Randolf Rodenstock will eine Marke retten: das deutsche Qualitätsabitur. Vielleicht meint er auch das bayerische Qualitätsabitur, aber das sagt er nicht. Rodenstock kennt sich aus mit Marken, als Unternehmer hat er edle Brillen auf den Markt gebracht als die meisten Deutschen noch Kassengestelle trugen. Rodenstock ist der Vorsitzende der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW). Er sagt, das Abitur habe einen Image-Schaden.

Tatsächlich ist das Niveau der Allgemeinen Hochschulreife mancherorts so niedrig, dass es Betriebe gibt, die ihre Lehrstellen lieber unbesetzt lassen, als sie mit schlechten Abiturienten zu besetzen. Auch viele Schüler, Eltern und Universitäten haben das Vertrauen in die gymnasiale Abschlussprüfung verloren. Weil die Abiprüfungen der Bundesländer nicht vergleichbar sind, taugen sie nicht als gerechtes Zulassungskriterium. Trotzdem müssen viele Hochschulen auf die Abschlussnote schauen, um objektive Auswahlkriterien zu haben. Dabei sind die Leistungsunterschiede gravierend. Im Ländervergleich der nationalen PISA-Ergänzungsstudie etwa schneiden Schüler aus Bayern oder Sachsen bei vielen Testaufgaben deutlich besser ab als die aus Bremen oder Brandenburg – unter anderem, weil Bundesländer unterschiedlich viel Geld in Bildung investieren. So kann es dann in letzter Konsequenz etwa passieren, dass der Bremer Einser-Schüler dem Schulbub aus dem Allgäu den Studienplatz wegschnappt, selbst wenn beide Schüler gleich gut sind – nur wird in Bayern oft strenger bewertet.

Die bildungspolitische Expertenrunde der VBW, der "Aktionsrat Bildung", hat deshalb am Mittwoch in München einen Vorschlag gemacht: die Einführung eines sogenannten zentralen Kernabiturs. In einer Art innerdeutschem Bologna-Prozess sollen die Abiturstandards der Länder angeglichen werden, mit bundesweit einheitlichen Prüfungen in Mathe, Deutsch und Englisch.

Die Idee ist gut, auch weil ein Kernabitur das Niveau der Abschlussprüfungen in traditionell schwächeren Bundesländern heben könnte. Leider kommt der Vorschlag des Aktionsrats Bildung über eine erste vertrauensbildende Maßnahme nicht hinaus. Nur zehn Prozent der Abiturnote würden durch die Einheitsprüfungen in Mathe, Deutsch und Englisch überhaupt beeinflusst. Wirklich vergleichbar wäre ein derart abgespecktes Zentralabitur nicht.

Lehrer und Gewerkschafter befürchten außerdem, dass sich für bundesweite Prüfungen nicht einmal Termine finden lassen. 16 Bundesländer mit 16 unterschiedlichen Ferienzeiten und 16 Lehrplänen müssten sich auf drei Prüfungstage einigen – und den Schülern jeweils dieselbe Vorbereitungszeit gewähren.

Ein zentraler Test birgt außerdem die Gefahr, dass Fächer auf gut korrigierbare Inhalte reduziert werden: Ein Multiple-Choice-Test lässt sich von zentraler Stelle schnell und zuverlässig bewerten. Eine philosophische Erörterung eher nicht. Wie die Aufgabenstellungen der zentralen Abi-Prüfungen so gestaltet werden könnten, dass sie eine inhaltliche Verarmung der Prüfungsfächer verhindern, hat der Aktionsrat bislang nicht erklärt. Und wenn künftig die Noten in Englisch, Deutsch und Mathe vergleichbar sind, aber nicht die in Chemie, Geschichte und Geografie, wie verhindert man dann, dass andere Fächer für Lehrer, Schüler und Eltern an Wert verlieren?

Womöglich kommt der Plan, von dem Randolf Rodenstock in München spricht, ohnehin zu spät. Unternehmen und Unis haben aus dem Imageverlust des Abiturs längst Konsequenzen gezogen und eigene Eignungstests, entwickelt. Die Einführung eines Kernabiturs, wie es der Aktionsrat Bildung vorschlägt, würde bis etwa 2018 dauern. Bis dahin werden jene Hochschulen und Ausbildungsbetriebe, die sich auf Abi-Noten nicht verlassen wollen, ihre Auswahltests verfeinert haben.