ZEIT ONLINE: Herr Zurawski, der CDU-Politiker Peter Altmaier spricht sich auf Twitter für die Video-Überwachung unter anderem auch an Schulen aus. Er glaubt, dass Schwache neben anderen Maßnahmen so vor Gewalt geschützt werden können. In welchen Fällen können Kameras in der Schule sinnvoll sein?

Nils Zurawski: Sinnvoll ist die Video-Überwachung, wenn kein Schüler und kein Lehrer mehr auf dem Gelände ist und wenn in der Schule zuvor oft eingebrochen wurde. Kameras an den Eingängen schrecken Diebe erwiesenermaßen ab. Wenn sie doch einbrechen, können die Bilder helfen, sie zu fassen. Auch an Fahrradständern hat man gute Erfahrungen gemacht. Denn hier geht man nur kurz hin, um sein Fahrrad zu holen. Keiner fühlt sich durch die Kameras sonderlich überwacht. Dicke Schlösser haben allerdings eine ähnlich gute Wirkung.

ZEIT ONLINE: Helfen Kameras auch gegen Diebstahl und Zerstörung unter den Schülern?

Zurawski : Mir ist als Jugendlicher mal meine Lieblingslederjacke während des Turnunterrichts geklaut worden. Aber will ich deshalb Videokameras in Umkleideräumen? Jugendliche in der Pubertät möchten das sicher nicht. Abschließen ist also wieder die bessere Lösung

ZEIT ONLINE: Was ist also mit den Schwächeren, von den Peter Altmeier spricht? Können Kameras in der Schule vor Gewalt oder Mobbing schützen?

Zurawski : Schwächere schützt man auf diese Weise nicht. Oder man müsste die Kameras überall aufstellen – und alle ständig überwachen. Wie weit will man aber damit gehen: Kameras auf dem Pausenhof, in den Klassenräumen, auf dem Weg zur Schule, auf dem Klo? Das geht rechtlich schon gar nicht. Es gibt den Schutz der Intimsphäre. Kameras dürfen nur im öffentlichen Raum angebracht werden. Und sollten nicht auch Kinder das Recht an ihrem eigenen Bild haben?

ZEIT ONLINE: Und wenn man die Kameras nur an einigen, ausgewählten Orten aufstellt? 

Zurawski : Dann verlagert sich die Gewalt einfach an einen Ort, an dem nicht gefilmt wird. Bekämpfen kann man Mobbing und Gewalt besser mit anderen Maßnahmen: Mit mehr Lehrern, die die Zeit finden, ein Auge auf ihre Pappenheimer zu haben und mit einer vertrauensvollen, bewussten Atmosphäre, in der alle den Mund aufmachen, wenn etwas Unrechtes geschieht.

ZEIT ONLINE : Aber Kameras schrecken doch in jedem Fall ab?

Zurawski : Manchmal ja – aber meist nur kurzfristig. Denn der Effekt nutzt sich schnell ab. Sobald einmal etwas passiert ist, ohne dass es Konsequenzen hatte, ist der Effekt ganz weg. In dem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wer kontrolliert all die Aufnahmen? Das Material und die Auswertung sind teuer und je mehr Kameras man hat, desto mehr Material muss man sichten. Gerade gegenüber Kindern ist es extrem wichtig, schnell einzugreifen. Zwei Wochen später weiß keiner mehr, was passiert ist, oder die Streitenden haben sich längst vertragen. Wenn die Aufnahmen, wie das oft die Praxis ist, schnell überschrieben werden, kann man beispielsweise Mobbing-Fälle meist nicht mehr nachweisen, weil die betroffenen Schüler oft lange brauchen, bis sie sich anvertrauen.