Meine Freundin, Mutter eines 15-jährigen Jungen, sagte zu mir: "Tim ist jetzt nicht super in der Schule, aber es geht. Er hat einen Notendurchschnitt von 2,1." Ich bin sprachlos! Bedeutet das, dass man heutzutage nur mit Schulnoten zufrieden sein kann, bei denen eine Eins vor dem Komma steht?

Ein Großteil der Kinder meiner Freunde besucht Schulen mit bilingualer Ausbildung oder musischem Schwerpunkt. Sie sitzen in sogenannten Musikklassen, haben Erdkundeunterricht auf Französisch und müssen nach der Schule zu Hause noch einen Berg von Hausaufgaben bewältigen.

Die Eltern sitzen meist mit am Schreibtisch und passen auf, dass keine Fehler passieren. Anders gehe es heutzutage nicht, sagen sie. Abitur schaffe man nur, wenn man ununterbrochen am Ball bleibe. Und das Schulkonzept müsse auf jeden Fall außergewöhnlich sein, sonst sei es keine gute Schule.

Mir kommt das alles überspitzt vor. Denke ich an meine eigene Schulzeit, die ich mit einem von meinen Eltern als super kommentierten Notendurchschnitt von 2,3 abschloss, so würde ich den heutigen Ansprüchen wohl nicht mehr gerecht werden. Und trotzdem habe ich meinen Platz in der Gesellschaft gefunden, auch wenn ich nicht drei Fremdsprachen spreche und nicht zwei Musikinstrumente spiele.

Mir kommt es so vor, als müssten alle Kinder eine Eliteausbildung absolvieren. Daneben sollten sie über den G8-Weg möglichst noch ein Jahr früher ins Berufsleben starten.

Welche Chancen haben in unserer Gesellschaft eigentlich durchschnittlich ausgebildete Menschen? Welchen Platz soll der Abiturient mit einem Notendurchschnitt von 2,8 finden? Und wo finden eigentlich Jugendliche einen Ausbildungsplatz, die einen mittleren Bildungsabschluss erlangt haben?

Ich wünsche mir mehr Gelassenheit bei der Ausbildung der jungen Generation. Wir müssen weg von dem ewigen "schneller, höher, weiter". Die Angst vor dem Versagen würde Eltern und Kinder weniger umtreiben. Dann wäre nicht nur der Schulalltag, sondern auch der Alltag in vielen Familien entspannter.