Hüseyin ist noch außer Atem, als er das Büro des Schulleiters Michael Rudolph betritt. Das Schuljahr ist keine sieben Wochen alt und der 14-Jährige kam fünfmal zu spät; im vorigen Schuljahr insgesamt elfmal. Seine Eltern wurden schon mehrmals in die Schule bestellt, kamen aber nie. Sie können kein Deutsch lesen, sagt Hüseyin, und verteidigt seine Verspätung: "Ich bin umgezogen, es ist so weit weg."

Mit seinen Verspätungen ist Hüseyin inzwischen eine Ausnahme. Denn an der Bergius-Schule in Berlin-Friedenau, einer Sekundarschule, herrschen klare Regeln: Wer nicht pünktlich da ist, steht vor verschlossenen Türen, muss klingeln und bekommt eine Strafaufgabe: im Herbst die Blätter zusammenfegen, im Winter den Schnee. Irgendetwas findet sich immer. Wer sein Sportzeug vergisst, hilft während der Sportstunde dem Hausmeister. Nach drei Verspätungen bekommen die Eltern Post. Fehlt ein Schüler ohne bekannten Grund, werden sie direkt angerufen. Kaugummis, Handys und Mützen auf dem Kopf sind im Unterricht verboten.

Hüseyin und Michael Rudolph sitzen sich gegenüber an dem alten Holztisch in Rudolphs Büro voller Bücherregale. Der Schulleiter im Anzug mit Seitenscheitel im grauen Haar und Oberlippenbart, der Achtklässler in Trainingsjacke und Turnschuhen und mit erstem Bartflaum. In der Ecke hängen die europäische, die deutsche und die Berliner Flagge und ein Porträt des Bundespräsidenten.

Rudolph fragt, was Hüseyin mal werden wolle. Der Achtklässler zuckt mit den Schultern. Autoverkäufer vielleicht. Er schaut auf den Boden, während Rudolph sagt, dass auch Autoverkäufer pünktlich zu Terminen erscheinen müssten. Hüseyin soll gleich aufschreiben: "Mein Schulleiter möchte meinen Vater schnellstmöglich sprechen", und diesen Zettel muss er morgen mit der Unterschrift seines Vaters wieder mitbringen. Eine Woche lang wird Hüseyin noch vor Unterrichtsbeginn den Hof saubermachen.

Was altbacken klingt, ist erfolgreich

Michael Rudolph führte diese Regeln ein, als er 2005 an die Bergius-Schule kam. In den Jahren zuvor hatte er an einer Schule in Kreuzberg gearbeitet und sich dort den Ruf erworben, Berlins strengster Schulleiter zu sein. "Es ist ein Kernbereich der Erziehung, Signale auszusenden, wenn sich jemand falsch verhält", sagt er. "Wir wollen das Verhalten der Schüler, wenn irgend möglich, positiv beeinflussen".

So altbacken das klingen mag, sein Konzept ist erfolgreich: Als Rudolph kam, stand die Bergius-Schule kurz vor der Schließung. Für das neue Schuljahr waren gerade einmal 38 Schüler für 116 Plätze im siebten Jahrgang angemeldet, der Rest wurde zugewiesen. Ein Jahr später waren es 91 Anmeldungen, 2011 dann 155 für 125 Plätze. Michael Rudolph hat eine Problem- in eine Musterschule verwandelt. Die Bergius-Schule hat heute auch unter Lehrern einen guten Ruf. Den Übergang von der Realschule zur Sekundarschule, die in Berlin mittlerweile Haupt- und Realschule zusammenfasst , hat sie gut überstanden.