Mein Sohn ist anders. Schon vor seiner Geburt wusste ich, dass er mit einer schweren Behinderung zur Welt kommen würde. Damals hieß es, er würde nie laufen oder sprechen können. 

Mein Sohn zeigt mir täglich, dass sich Aussagen von Ärzten nicht immer bewahrheiten. Ihm fallen einige Dinge sehr leicht, andere hingegen schwer, manche sind gar nicht möglich. Mein Sohn kann zum Beispiel ein wenig laufen und selber Rollstuhl fahren. Er kann sprechen und mittlerweile eine Menge Fragen stellen. In diesen Dingen ist er ein neugieriger, freundlicher Vierjähriger. In anderen Bereichen hat er Schwierigkeiten. Er versteht nicht jede Frage, aber umgeht solche Situationen elegant, indem er einfach anfängt, irgendwas anderes zu erzählen.

Inklusion – dieser Begriff bedeutet die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. In ihrem Bericht zum Thema Behinderung aus dem Juni 2011 forderte die Weltgesundheitsorganisation WHO mehr Inklusion im Bildungswesen. Einige Erziehungswissenschaftler plädieren daher für eine Schule, in die alle Kinder gehen – behinderte und nicht behinderte. Eigentlich ein schöner Gedanke, aber ist das in Deutschland möglich?

In unserer Region gibt es zurzeit zwei Möglichkeiten für ein behindertes Kind, eine Schule zu besuchen. Entweder es geht auf die Sonderschule mit einem Schwerpunkt auf geistige oder körperliche Behinderung. Oder es geht auf die normale Grundschule, an die ein Sonderpädagoge einmal wöchentlich für zwei Stunden kommt. Um dem Ziel der Inklusion gerecht zu werden, müsste mein Sohn eigentlich die normale Schule besuchen. Aber dieser Gedanke behagt mir nicht.

Ich möchte zwar, dass mein Sohn mit Gleichaltrigen ohne Handicap aufwächst. Aber er soll trotzdem die spezielle Förderung erhalten, die er benötigt. Was nützt es meinem Kind, in einer normalen Grundschulklasse zu sitzen und nur die Hälfte zu verstehen, weil er bei dem höheren Tempo nicht mithalten kann? Dann lieber eine Sonderschule, die behinderte Kinder gezielt fördert. Letztendlich geht es doch darum, dass er vernünftig Lesen, Schreiben und Rechnen lernt.

Wenn mich jemand fragt, ob ich mein Kind nicht auf die normale Grundschule schicken möchte, dann antworte ich: Nein. Aber das bedeutet nicht, dass ich den Gedanken der Inklusion verwerfe. Im Gegenteil: Wir müssen daran arbeiten, dass es Schulen gibt, an denen behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen lernen, leben und spielen. Diese Schulen müssen aber beides ermöglichen: normale Klassen und Sonderklassen mit individuellem Förderbedarf. Sonderklassen sollten nicht abgeschafft werden. Denn einige behinderte Kinder brauchen diese Unterrichtsform. Es ist ihr Recht, langsam lernen zu dürfen.