Das Abitur war früher eine Ausleseprüfung, die vor allem diejenigen bestanden, deren familiärer und sozialer Hintergrund sie dafür prädestiniert hat. Andere blieben auf der Strecke: Die oberen sozialen Schichten wollten unter sich bleiben. Eine Förderung von sozial oder leistungsmäßig Schwächeren war nicht vorgesehen. 

Heute soll das Abitur hingegen für möglichst viele erreichbar sein. Es hat sich von einer ernstzunehmenden Hürde zu einer beinahe selbstverständlichen Veranstaltung am Ende der gymnasialen Schulzeit gewandelt. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg bestanden 2011 an den allgemeinbildenden Gymnasien des Landes 98,4 Prozent der Abiturienten die Prüfung. An den beruflichen Gymnasien schafften im gleichen Jahr immerhin 94,7 Prozent aller Schüler das Abitur, also immer noch fast alle.

Durchfaller im Abitur – genau wie Sitzenbleiber in den unteren Klassen – sind heutzutage nicht erwünscht, weniger aus Mitgefühl gegenüber den jungen Menschen, sondern weil sie dem Bildungssystem zusätzliche Kosten aufbürden. Würden viele Schüler die Prüfungen nicht bestehen, dann könnte das auf unangemessene Lehrpläne, mangelhaften Unterricht oder schlecht qualifizierte Lehrer hindeuten. Diesen Eindruck möchte jede Kultusbehörde natürlich unter allen Umständen vermeiden. Gute Abitur-Ergebnisse sind als Beweis für eine gelungene Bildungspolitik natürlich willkommen.

Die Durchschnittsnoten aus dem Abitur haben sich an den öffentlichen und privaten Gymnasien Baden-Württembergs zwischen 1990 und 2011 kaum verändert. Sie sind von 2,4 (1990) auf 2,29 (2006) gestiegen, seitdem aber wieder auf 2,37 (2011) gefallen. Gleichwohl beklagen sich die Universitäten zunehmend darüber, dass den Studienanfängern wichtige Kenntnisse und Fähigkeiten fehlen. Sie kritisieren, dass sich aus den Abiturnoten keine Aussagen über nichtfachliche Qualitäten und Begabungen der jungen Menschen ableiten lassen. Deshalb verlangen Hochschulen von ihren Bewerbern immer häufiger eine Zugangsprüfung. Dem Abitur allein trauen sie nicht mehr.

Das Vorgehen der Hochschulen ist nachvollziehbar. Denn die Vorbereitung auf die Prüfung orientiert sich an bisherigen Abituraufgaben und entspricht dem unter Pädagogen verpönten Teaching to the Test: Die Schüler pauken, um die Prüfung zu bestehen, nicht um sich weiterzubilden. Diese Methode ist mindestens genauso überholt wie der Frontalunterricht.

 
Aus all diesen Punkten folgt, dass das Abitur abgeschafft werden kann. Die Ergebnisse aus der Sekundarstufe II reichen völlig aus, um die schulische Leistungsfähigkeit der Schüler festzustellen. Die Abiturprüfungen sind lediglich das dramatische Finale der Oberstufe, dass allen Schülern und den Kultusbehörden zu einem Happy End verhelfen soll. Sie verursachen an den Schulen einen großen logistischen Aufwand und stören den regulären Unterrichtsbetrieb.

Diesen Aufwand und die damit verbundenen Kosten könnten sich Länder und Schulen sparen. Sie sollten das Abitur abschaffen.