Ich sitze in der Bank einem großen Mann mittleren Alters gegenüber, der mit mir über meine Zukunft sprechen will. "Und was machst du jetzt so, wo du keine Schule mehr hast?", fragt der Bankberater mich. Mir fällt nicht sofort eine Antwort ein. "Nichts? Also, das ist ja auch mal schön, nur jetzt hast du die Zeit dazu. Später sitzt du nämlich wie ich im Büro und würdest nichts lieber tun." 

Er lächelt gönnerhaft und freut sich über seinen genialen Wortwitz, aber in seinen Augen erkenne ich Frustration und einen Anflug von Nostalgie. Er wäre wohl gerne wieder jung. Doch er fängt sich schnell wieder.

"Möchtest du denn eine Ausbildung machen oder lieber studieren?" Ich möchte ab Oktober in Trier studieren, antworte ich. "Aha! Schöne Sache. Schöne Sache. BWL?" Germanistik und Philosophie, antworte ich. Ich komme mir vor wie ein Schwerverbrecher, wenn ich das sage. 

"Soso." Er grinst breit. Dieses allwissende überlegene Erwachsenenlächeln.

"Und was willst du später damit?" Wenn ich doch bloß wüsste, was ich will. Oder wenigstens wohin. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass ich ganz dringend eine Antwort finden muss. Ich brauche einen roten Faden, den ich mir zurechtlegen muss für den Rest meines Lebens. Oder wenigstens für die nächste Etappe. Aber wie lange dauert die? Kann man das vielleicht irgendwo nachlesen? 

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es einen Startschuss gab, den ich überhört habe, einen lauten Knall, der jedem bedeutet hat, in Richtung des Ziels zu laufen, nur mir nicht. Das würde erklären, warum ich immer noch zu Hause sitze und auch nichts daran ändern möchte. Ich will nicht jetzt entscheiden, was ich nach meinem Studium werden will, ich will nicht darüber nachdenken, wie ich meine Kinder ernähren soll. Ich will jetzt noch nicht hier weg.

"Später, wenn du eine Familie hast, kannst du nicht einfach für ein Jahr nach San Francisco abhauen!", sagt mir der Bankberater. Was für eine Bauernweisheit! Vielleicht lass ich mir dann mit der Familie einfach ein bisschen mehr Zeit. Oder muss ich neben meinem Studium auch schon wissen, wie viele Kinder ich bekommen werde?

Das Problem ist, dass ich in meinen Gedanken keinen Anfang finde. Da ist kein Faden. Da ist ein riesiges Wollknäuel, mit tausend Anfängen und Enden, die in alle Richtungen auseinanderlaufen und sich im nächsten Moment wieder ineinander verirren.