Erst die emotionale Krise, dann der Aufstieg

ZEIT ONLINE: Herr El-Mafaalani, der Bildungserfolg der Kinder hängt in Deutschland stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Wollten die, die trotz schwieriger Startbedingungen aufgestiegen sind, schon als Kinder reich oder berühmt werden?

Aladin El-Mafaalani: Das war das Spannendste für mich: Zwar ist dieser Wunsch gerade für die unteren Schichten typisch. Sie sind stärker auf
das Geld fixiert, gerade weil es so knapp ist. Das führt aber nicht dazu, dass sie sich in der Schule anstrengen. Wer Reichtum und Ruhm  will, wird von Heidi Klum , Dieter Bohlen oder Mesut Özil abgelenkt. Bildung wird da nicht als Weg zum Ziel erkannt. Hierfür fehlt auch die Orientierung an Berufen, für die Bildung eine besondere Rolle spielt. Zudem lassen die deutschen Lehrpläne nicht unbedingt erkennen, wofür man etwas lernt.

ZEIT ONLINE: Was mussten die Kinder aus der Unterschicht mitbringen oder erleben, damit sie es trotzdem nach oben schafften?

El-Mafaalani: Zwei Dinge sind es, die in allen Aufsteiger-Biografien auftauchen. Erstens haben alle eine starke Irritation oder Kränkung und damit eine emotionale Krise erlebt. Und sie haben ihre Herkunft als Ursache für diese Krise gesehen. Sie sind zu der Einsicht gelangt: Meine Lebensverhältnisse bieten mir zu wenig Möglichkeiten. Ich muss mich ändern. Dieses intrinsische Motiv, also die Bereitschaft oder der Drang, sich selbst zu verändern, passt viel besser zur deutschen Vorstellung von Bildung als Selbstzweck. Ein solches Motiv bedeutet aber auch, sich damit nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich von der Familie und dem Herkunftsmilieu zu distanzieren. Gewohnheiten und Werte verändern sich. Alles was in der Kindheit gut war, wird neu bewertet. Das ist sinnvoll, denn die in der Kindheit erlernten Muster funktionieren im Herkunftsmilieu gut, aber eben nicht in höheren Milieus. Gleichzeitig besteht die Gefahr, der Familie und den Freunden fremd zu werden.

Zweitens hatten alle Kontakte zu Menschen aus höheren Milieus. Zur richtigen Zeit ist im Jugendalter jemand da gewesen, der geholfen hat. Das Gleiche geschah dann meist noch einmal im Erwachsenenalter. Irgendjemand hat die schützende Hand über sie gehalten. Das hat natürlich auch mit Zufällen zu tun. Da freundet sich ein Mädchen mit der Tochter von Ärzten an, wechselt mit ihr zusammen aufs Gymnasium und profitiert von der Unterstützung der Eltern dieser Freundin bis zum Studium.

ZEIT ONLINE: Können Sie andere Beispiele nennen?

El-Mafaalani: Ja, ein türkischstämmiger Junge zum Beispiel. Er fühlte sich von seiner Gang verraten. Seine Welt brach zusammen. Zu dem
Zeitpunkt hatte er lediglich den Hauptschulabschluss – und diverse kriminelle Sachen gemacht. Er hat extrem reagiert, wollte plötzlich ganz anders sein und hat einfach entschieden, den Deutschen mehr zu vertrauen als türkischstämmigen Menschen. Er hat seine Haare lang wachsen lassen, bunte Sachen getragen und wurde von der alten Peer-Group als schwul beschimpft. Ein harter Weg. Aber es zeigt sich immer wieder, dass jede Krise auch eine Chance sein kann.

ZEIT ONLINE: Ähneln sich die Biografien der deutsch- und der türkischstämmigen Aufsteiger? Oder gibt es gravierende Unterschiede?

 Zufälle provozieren

El-Mafaalani: Grundsätzlich entsprachen alle Biografien dem beschriebenen Muster. Aber die Schwierigkeiten, die dabei auftreten, sind unterschiedlich. Die Bindung in den deutschen Familien ist vergleichsweise lose. Das macht die Distanzierung leichter. Schwerer ist für die Aufsteiger aber, dass deutsche Unterschichtsfamilien oft geringe Erfolgserwartungen an die Kinder haben. Nach dem Motto: Was ich erreicht habe, reicht. Deshalb müssen die Kinder ihre Aufstiegsambitionen vollständig selbst produzieren.

In den türkischen Familien ist es oft umgekehrt: Die Familie ist eng verbunden. Solidarität und Autorität prägen das Zusammenleben. Hier spielt statt dem Statuserhalt der Werteerhalt eine dominierende Rolle. Sich zu distanzieren fällt dadurch deutlich schwerer. Gleichzeitig wird Erfolg in der Schule und im Beruf ausdrücklich erwartet. Eine schwere Herausforderung: Die oft bäuerlichen Werte sollen beibehalten werden, aber mit einem Erfolg in der modernen Arbeitswelt einhergehen. Es ist schwer für türkische Arbeiterfamilien zu akzeptieren, dass ihre Kinder mit dem Erfolg auch andere Menschen werden. Und für die türkischstämmigen Mädchen kann es noch eine weitere Motivation für den Bildungsaufstieg geben: Der Wunsch nach Freiheit gegenüber eher einschränkenden familiären Regeln.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt die Schule? Wäre ein Aufstieg leichter, wenn Kinder in Gemeinschafts- und Ganztagsschulen unterrichtet würden?

El-Mafaalani: Das kann ich aus den Interviews nicht ableiten. Aber je mehr Zeit die Unterschichtskinder mit Menschen aus anderen Milieus  verbringen, desto besser. Dadurch kann man die genannten Zufälle vielleicht etwas provozieren. Aber einige von den befragten Aufsteigern waren Gesamtschüler und haben dort nur einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Abschluss geschafft. Wenn es in benachteiligten Stadtteilen keine soziale Durchmischung mehr gibt, dann führt eine Gemeinschaftsschule eher zu Gemeinschaftsproblemen. 

ZEIT ONLINE: Wie müsste sich Ihrer Ansicht nach die Schule verändern, um den Aufstieg zu erleichtern?

El-Mafaalani: Wichtiger als neue Schulformen zu entwickeln, wäre es meiner Ansicht nach, die Haltung den Kindern gegenüber und die Art des
Lernens zu verändern. Kinder, die mit wenig Geld und wenig hilfreichen Kontakten aufwachsen, entwickeln eine Routine, mit Knappheit insgesamt umzugehen. Sie fragen sich auch in der Schule immer: Ist das wirklich nötig? Wofür lerne ich das? Wäre das Lernen bis zum ersten Abschluss stärker anwendungsorientiert, würden Benachteiligte profitieren.

Schule sollte auch das Selbstwertgefühl der Kinder stärken. Schlechte Noten und Sitzenbleiben bewirken bei kleineren Kindern und bei Pubertierenden oft, dass sie sich als Mensch abgewertet fühlen. In den Interviews habe ich immer wieder gehört, wie die Betroffenen der Schule deshalb keine Bedeutung mehr beigemessen haben. Sie stand in der Hierarchie des Alltags ganz unten, weil sich die Kinder Anerkennung anderswo holen mussten. Gäbe es Noten viel später als es derzeit der Fall ist, müssten die Lehrer die Probleme frühzeitig analysieren und angehen. Sie könnten sich nicht wie jetzt darauf zurückziehen, dass sie die falschen Schüler haben, die sie abschieben können. Andere Länder haben damit gute Erfahrungen gemacht.

ZEIT ONLINE: Wie wirken die Aufsteiger heute? Bleibt etwas zurück?

El-Mafaalani:  Interessant fand ich, dass alle Befragten sehr selbstbezogen und relativ unkritisch gegenüber dem gehobenen Milieu waren. Im Gegenteil, sie fühlen sich da oben sehr wohl. Verständlicherweise, wenn man bedenkt, dass sie dafür einen mühsamen Weg zurückgelegt haben. Aber wer aufsteigt, verändert sich eben wirklich und spielt nicht bloß eine Rolle. Ich habe extrem erfolgreiche Menschen befragt, die aus Arbeiter- beziehungsweise Gastarbeiterfamilien stammen, denen konnte man ihre Herkunft keineswegs mehr ansehen.