Erstmals ehrt der Deutsche Schulpreis ein Gymnasium mit dem mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis. Und was für eins! Bisher hatte die Jury vergeblich nach einem Gymnasium für Platz eins gesucht. Überzeugender waren Grundschulen, Gesamtschulen oder einmal sogar eine Klinikschule. Sie verbanden die Individualisierung des Lernens mit einer Gemeinschaft, die den unterschiedlichen Kindern Zugehörigkeit versprach.

Die nun ausgezeichnete Brandenburger Schule wurde 1993 von Eltern in dem Gebäude einer ehemaligen Kaserne der Roten Armee als Gymnasium gegründet. Inzwischen ist die Evangelische Schule Neuruppin auf Umwegen zur Gemeinschaftsschule unterwegs. Träger ist die evangelische Schulstiftung. Anke Bachmann, die heutige Schulleiterin, gehörte damals zu den Gründungseltern. 

Fantasie und Pragmatismus

Eine Mischung aus Fantasie und Pragmatismus macht den Erfolg dieser Schule aus. Die Lehrer, die in einem Jahrgang unterrichten, haben in den vergangenen Jahren Teams gebildet und organisieren ihre Arbeit und Zeit mehr und mehr selbstständig. Allmählich hat sich die Schule verändert.

Der Unterricht bekam in Doppelstunden mit 90 Minuten mehr Luft und die Stundenpläne wurden übersichtlicher. Dann zog man zehn Minuten von jeder Stunde ab, sammelte die gewonnenen Minuten und schuf damit Zeiten für die selbstständige Arbeit der Schüler. Der Schultag bekam einen bekömmlichen Rhythmus.

Die Schulreform könnte man als choreografisch beschreiben. Schritt für Schritt mehr Eleganz und ein neuer Geist. Anke Bachmann, die Schulleitern, beharrt jedoch darauf: "Das sind nicht nur irgendwelche Methoden."

Was sie damit meint, steht ganz oben auf der Homepage der Schule: "Lehren ohne Liebe macht müde, Lernen ohne Liebe macht blind, Leistung ohne Liebe macht erbarmungslos, Erfolg ohne Liebe macht einsam." Wer die Schule nicht gesehen hat, könnte diese Sätze achselzuckend übergehen oder als zu pathetisch abwehren.

Das wäre falsch. Überall sieht man, dass sie gelebt werden. Wenn man in die Schule kommt, liest man neben Tierbildern in den Wandzeitungen von Schülern: "Ich bin keine dumme Gans." Oder: "Bei uns gibt es keine alte Sau." Eine der schönsten Räume ist das von Schülern betriebene Café.

Auf die Haltung folgen die Leistungen

Die Gründer vertrauten darauf, dass die Leistungen auf die richtige Haltung folgen würden. Und tatsächlich sind die Schülerinnen und Schüler sowohl im Zentralabitur als auch in den Vergleichsarbeiten der zehnten Klassen Spitze.

Im "naturwissenschaftlichen Kolloquium" hält ein Schüler gerade einen hinreißenden Vortrag über Entropie. Physikalisch und philosophisch exzellent. Am Beispiel eines Kartenspiels rechnet er die unermessliche Menge möglicher Kombinationen vor. Was man hier über Thermodynamik hört, bannt die Schüler, die in den Bänken und auf Stufen sitzen, ebenso wie die Besucher. Einer der Besucher ist Michael Schratz , Professor für Erziehungswissenschaften in Innsbruck und Vorsitzender der Jury des Deutschen Schulpreises. "Das hat Universitätsniveau", sagt er. Später verblüfft ihn die Debattierkunst im Englischunterricht.

Schüler aus der Oberstufe unterrichten hier zuweilen selbst in der Grundschule, oder sie helfen Mitschülern der mittleren Jahrgänge. An einem Tag im Jahr übernehmen die Schüler den ganzen Betrieb – den Unterricht, die Schulleitung, eben alles. Dann haben die Lehrer Ruhe für ihre Fortbildung.

Das aktuelle Motto für 2012 heißt: "Fische im Schwarm leben länger als einzelne." Was das bedeutet? Nachdem die Schule die ersten elf Jahre nur ein Gymnasium war, wurde 2004 eine Grundschule dazu gegründet. 2009 kam auch eine "Oberschule" hinzu. So heißt in Brandenburg die Schulform für diejenigen, die nicht zum Gymnasium gehen. Sie wurde gegründet, um alle Kinder nach der Grundschule weiter in dieser Schule zu behalten.

Aus dem Gymnasium wird eine Schule für alle

Der Schulleiterin ist die Trennung gar nicht recht. Die Schule versucht deshalb, die Schüler so weit es geht gemeinsam zu unterrichten und geht beharrlich ihren listigen Umweg zu einer Schule für alle.

Der Blick auf die anderen vier Schulen, die ebenfalls mit dem Schulpreis ausgezeichnet wurden und auf eine fünfte, die den Sonderpreis der Jury erhielt, zeigt wie vielfältig die Wege der Schulen inzwischen sind. Sie haben alle ihre Biografie.

Die Schulen in der Rellinger Straße in Hamburg und Am Pfälzer Weg in Bremen beweisen, wie viel besser die Kinder lernen, wenn sie nicht in altersgleichen Jahrgängen unterrichtet werden. In der August–Claas-Schule in Harsewinkel kümmern sich Rentner um die Hauptschüler. Seitdem finden die meisten eine Lehrstelle. Die Bochumer Erich-Kästner-Schule, eine Gesamtschule, war vor ein paar Jahren fast am Ende. Die Lehrer haben sich am eigenen Zopf aus dem Schulsumpf gezogen. Schließlich die Paul-Martini-Schule in Bonn , eine Klinikschule, die aus einer Not die Tugend machte.

Jedes Kind wird als Individuum respektiert. Jedes wird überraschen. Wenn Michael Schratz auf diese und die mehr als 20 Schulpreisschulen der letzten Jahre blickt, dann sieht er "eine Bewegung, die kein Ministerium schaffen könnte."