Hat irgendjemand etwas gegen ein sozial gerechteres Bildungssystem? Ich jedenfalls nicht. Mich lässt es nicht kalt, dass Arbeiterkinder schlechtere Chancen in der Schule, an der Uni und im Beruf haben als Kinder von Richtern, Managern oder Chefärzten.

Was mich aber zunehmend nervt, ist die Gerechtigkeitsprosa in Zeitungen, Onlinemedien und im Fernsehen, deren Autoren sich nicht schämen die Banalitätsgrenze zu überschreiten. "Soziale Herkunft prägt nach wie vor den Schulerfolg" – unter dieser Überschrift berichten etliche Medien über eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, den sogenannten Chancenspiegel.

"Soziale Herkunft prägt nach wie vor den Schulerfolg" – diese Überschrift war vor 100 Jahren richtig, und sie wird in 100 Jahren noch richtig sein! Denn bislang hat weltweit noch niemand (auch das egalitäre Finnland nicht) das Zaubermittel gefunden, den Einfluss der Familie auf den Bildungs- und Berufserfolg des Nachwuchses auszuschalten. Wie sollte das denn bitte in einem demokratischen Staat funktionieren?

"Soziale Herkunft prägt nach wie vor den Schulerfolg" – diese Meldung hat in etwa den Nachrichtenwert von: "Wenn es regnet, wird die Erde nass." Doch die unterschwellige Botschaft lautet: Wenn wir an ein paar Schrauben drehen, dann können wir den Schulerfolg von der sozialen Herkunft entkoppeln. Das ist aber ein Irrglaube, wie viele Studien zeigen. Die Schule wird dadurch einem moralischen Druck ausgesetzt, unter dem sie nur scheitern kann.

Man kann, man muss!, von der Schule fordern, dass sie auch Kindern aus bildungsfernen Schichten mehr Bildungschancen bietet, zumindest eine solide Grundbildung vermittelt. Das wird genug Kraft kosten. Man sollte der Schule nicht auch noch Aufgaben aufbürden, die sie nicht stemmen kann.