Sie wollen BWL studieren oder Ingenieurinnen und Informatiker werden. Die jungen Menschen von der Schule Nummer 67 in Kasachstans Hauptstadt Astana wissen, dass ihr Land sie braucht. Kasachstan hat etwa so viele Einwohner wie Nordrhein-Westfalen – bei einer Fläche, die achtmal so groß ist wie Deutschland. Aber der Eifer der Schüler allein reicht nicht. Etwas ist schief gelaufen im Bildungssystem des autokratisch geführten Kasachstan. Obwohl es genug Geld aus Öl und Gas gibt, schafft es das Bildungssystem nicht, gut ausgebildete junge Menschen hervorzubringen.

In Astana werden an jeder Ecke neue Bürogebäude gebaut. Straßen entstehen, wo vor einer Woche noch schlammige Steppe war. In den vergangenen dreizehn Jahren sind in Astana nicht nur unzählige verglaste und verspiegelte Hochhäuser errichtet worden, sondern auch eine Pyramide und ein riesiges transparentes Zelt. Ein Gebäude sieht aus wie eine sich öffnende Blüte und einen Turm ziert ein goldenes Ei. Die Skyline von Astana sieht aus wie aus einem Sciencefiction-Film.

Nicht nur die Hauptstadt Kasachstans ist jung, auch die Bewohner sind es. Aber zu viele von ihnen streben an die Universitäten, sagt der Vizeminister für Bildung und Wissenschaft, Murat Abenov. "Es fehlen Fachkräfte in der Baubranche, im Transportwesen und in der Produktion."

"Bildung ist hier die Verheißung auf Erfolg"

Die Hälfte der staatlichen Einnahmen des Landes basiert auf Rohöl. Seit etwa sechs Jahren fließt das Rohstoff-Geld auch verstärkt in die Bildung. "Kasachstan hat sich jetzt gefestigt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion musste das Land ja erstmal seine Existenz sichern", sagt Rainer Görtz, von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Die GIZ arbeitet seit Mitte der neunziger Jahre im Bildungsbereich mit Kasachstan zusammen. Geld ist also da in Kasachstan. Das Engagement der Schüler auch.

An der Schule Nummer 46 wird Deutsch gelehrt. Sascha will später mal Roboter programmieren und Arina Maschinenbau studieren. Sie alle sprechen fast fließend Deutsch. "Weil sie es wollen!", sagt Deutschlehrerin Tanja Unterberg. Sie ist Fachberaterin der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Astana und sieht bei den Schülern hier einen Ehrgeiz, den sie in Deutschland nie erlebt hat. Hier schwänze keiner den Unterricht, sagt sie: "Bildung ist die Verheißung auf Erfolg." Für eine Lehrerin ist Kasachstan ein Paradies: "Die Dankbarkeit und Konzentration der Schüler ist etwas, das man mit Geld nicht bezahlen kann."

Wo das Geld landet, das seit Jahren so emsig in die Bildung gesteckt wurde, kann man an den Eliteschulen sehen. Menschenrechte haben in Kasachstan einen geringen Stellenwert, die Renten sind zu niedrig, um zu überleben, die Arbeitsbedingungen sind oft schlecht, aber die Eliteschulen sehen aus wie 6-Sterne-Hotels. Der Alleinherrscher Nursultan Nasarbajew, der das Land seit 24 Jahren autoritär regiert, hat 2009 die "Nazarbayev Intellectual Schools" und eine ebenfalls nach ihm benannte Eliteuniversität gründen lassen.

Das Ansehen der Lehrer ist schlecht

Hier studiert Zamal. Sie ist 17 und wird in einem Jahr Absolventin sein. Dann möchte sie Journalistin werden. Zamal sagt, was man oft von jungen Menschen in Kasachstan hört: "Ich möchte im Ausland studieren und dann zurückkommen, um meinem Land zu helfen. Wir sind ein junges Land, hier muss sich alles noch entwickeln. Natürlich ist der Standard an den Universitäten im Westen höher als bei uns." 

Zauresch Schutova kann das auch für die Schulen bestätigen. Sie ist die Leiterin der Friedrich Ebert Stiftung in Astana und sagt: "Das Bildungssystem in Kasachstan ist schlecht." Sie selbst hat ihre Tochter von fünf Privatlehrern unterrichten lassen. "Hier geht es nur noch darum, den Abschlusstest zu bestehen, um kostenlos studieren zu können." Das Problem sei die schlechte Ausbildung der Lehrer, sagt Schutova, das quasi nicht vorhandene Ansehen des Lehrerberufs und natürlich die Bezahlung. Lehrkräfte verdienen in Kasachstan 350 Euro im Monat.

Was außerdem fehlt, ist die Bereitschaft der Schüler, die Ausbildung zu machen, die gebraucht wird. Aktuell werden etwa 30.000 Fachkräfte für die Förderung gesucht. Deswegen bildet die Gas- und Ölwirtschaft ihre Mitarbeiter in Zukunft selbst aus. Die Firma Kasipkor baut dafür Öl- und Gas-Trainingscenter in ganz Kasachstan. "Wir werden das Bildungssystem in Kasachstan revolutionieren", sagt Ainura Mukanova, sie ist die Pressesprecherin der Holding, die Präsident Nazarbayev 2011 initiiert hat.

Kasipkor will Fortbildungen und Bildungsreisen für die Lehrer anbieten, Sprachtrainings und Praktika. Offenbar hat man hier verstanden, wie wichtig die Qualifikation und Motivation der Lehrer ist. Ein Lehrer wird dort im Monat immerhin 600 Euro verdienen.