Homosexuellen-Hetze aus dem Schwarzwald – Seite 1

Nach dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger ist Homosexualität vielleicht sogar im Fußball bald kein Tabu mehr. Ein Ort, an dem Homosexualität oder Transsexualität allerdings noch immer mit extremen Ängsten und Vorurteilen besetzt sind, ist die Schule. "Schwul" ist eine übliche Beschimpfung auf dem Schulhof. Ein Coming-out? Führt mit großer Wahrscheinlichkeit zu Mobbing.

Bald 70.000 Unterstützer fand bis zum Donnerstag die Onlinepetition eines Realschullehrers aus Nagold im Schwarzwald. Sie trägt den Titel: Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens. Viel Zustimmung erfuhr der Initiator auch in den Kommentaren der entsprechenden Meldung auf ZEIT ONLINE. Er polemisiert gegen einen Entwurf des Baden-Württembergischen Bildungsplans für 2015, der Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt als Lernziel im Unterricht verankern will – nicht in einzelnen Modulen im Sexualkundeunterricht, sondern in fächerübergreifenden "Leitprinzipien" für alle Schulformen und von der ersten Klasse bis zum Abitur. In diesem Teil des Bildungsplans geht es nicht um konkrete Unterrichtsinhalte, sondern um eine pädagogische Perspektive: Sie soll die Schüler unterstützen, verantwortungsbewusst und selbstbestimmt in einer globalisierten Welt klarzukommen. Sexuelle Vielfalt ist dabei nur ein Thema unter vielen.

Konkret steht in der Vorbemerkung zu den Leitprinzipien des Bildungsplans, es sei wichtig, "die Perspektiven anderer Personen und Kulturen übernehmen zu können, Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen wahrzunehmen und sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können".

Der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch sagte ZEIT ONLINE, für dieses Arbeitspapier für den neuen Bildungsplan gebe es unter anderem Gespräche mit Kirchen und Vertretern gesellschaftlicher Organisationen. Vertreter von Nicht-Heterosexuellen wollten Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt auch als eigenes Leitprinzip verankert wissen. Das sei nicht geschehen, aber das Thema soll wie auch die Toleranz gegenüber ethnischen und religiösen Gruppen oder behinderten Menschen als Querschnittsthema in alle Bereiche mit hineinspielen, um in den Schulen Werte wie Respekt, Toleranz und Weltoffenheit zu vermitteln. "Wir sind aber noch mitten im Prozess", sagt Stoch. 

Homophobie unter Schüler noch extrem verbreitet

Das Provisorische des Textes ist deutlich zu erkennen. Zum Beispiel hängen unter den Tabellen mit den Leitprinzipien "Berufliche Orientierung", "Bildung für nachhaltige Entwicklung" oder "Medienbildung" isoliert die Kompetenzen, die Schüler zum Thema sexuelle Vielfalt vermittelt bekommen sollen. Dadurch wirken sie sehr prominent. Ungeschickt vielleicht, aber mit so viel Empörung hatte im Kultusministerium niemand gerechnet. Konkret geht es jedoch nicht um sexuelle Praktiken, wie die Petition andeutet, sondern etwa darum, dass Schüler unterschiedliche Familienmodelle wie Regenbogenfamilien, Ein-Eltern-Familien, Patchworkfamilien oder auch schwul-lesbische Kulturprojekte ebenso kennen wie die klassische Familie und ihre eigene sexuelle Identität und die der anderen respektieren sollen. 

Auch wenn es ungeschickt war, diese Kompetenzen im Text derart unvermittelt hervorzuheben: Ist es deshalb falsch, die Perspektive von Schwulen, Transsexuellen oder Bisexuellen besonders stark zu machen? Ein Lehrerkollege aus demselben Landkreis des Petitionsinitiators, der nicht genannt werden will, sagt: Je häufiger Schüler mit einem positiven Bild von Homosexuellen konfrontiert würden, desto besser. Unter seinen Neunt- und Zehntklässlern sei "schwule Sau" eine gängige Beschimpfung, und als er zum Thema gemacht hatte, dass Exminister Westerwelle homosexuell ist, sei die Mehrheit der Klasse empört gewesen. Unter Schülern sei Homophobie noch extrem verbreitet. Aber während im Englisch-Lehrbuch ganz selbstverständlich ein indisches Mädchen und ein schwarzer Junge zur Clique gehören, gebe es in den Lehrbüchern noch keine lesbischen oder schwulen Eltern.

Am besten gar nicht über Homosexualität reden?

In der Petition heißt es nun aber, der Bildungsplan ziele auf "eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen" ab. Der Initiator schreibt zwar, man dürfe die LSBTTIQ-Lebensstile (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer) nicht diskriminieren, fährt dann aber fort: "Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist." Und aus vielen Kommentaren liest man heraus, dass die Schreiber wünschen, über Homosexualität solle man am besten gar nicht reden oder nur, wenn man sie moralisch bewertet – als nicht erstrebenswert. Gut sei nur die Ehe zwischen Mann und Frau. Manche behaupten, Toleranz gegenüber Homosexuellen bedeute Intoleranz gegenüber christlichen Werten.

Manche nennen diese Gegend im Schwarzwald "Pietkong", denn dort lebten viele strenggläubige, pietistische Christen. Der Initiator gehört einer diesen Gemeinden an, vermeidet es aber in der Petition, sich explizit auf die Bibel zu beziehen, er spricht lieber von Werten. Er fürchtet weiterhin, das von "konstruktiver Zusammenarbeit geprägte Miteinander von Schule und Elternhaus wird durch 'Verankerung der Leitprinzipien' zur Disposition gestellt". Auch viele Kommentatoren fordern, Erziehung gehöre in die Familie und Lehrer sollten sich darauf beschränken, Wissen zu vermitteln. "Verkürzt und teilweise falsch" nennt der Kultusminister die Petition. Unter anderem gehöre natürlich Erziehung, beispielsweise Demokratieerziehung, in Deutschland seit jeher in die Schule. 

"Sie wollen, dass unsere Kinder nicht mehr fruchtbar sind"

Der Initiator hat zwar mit den vielen Unterschriften in seiner Petition bislang keine juristische Schlagkraft, nach Ende der Laufzeit könnte sie beim Petitionsausschuss des Landtags eingereicht werden, der sich dann unter Umständen damit befassen müsste. Aber er schürt mit seinen abstrusen Ausführungen erfolgreich Angst. So schreibt er, homosexuelle Jugendliche seien besonders suizidgefährdet und anfällig für Alkohol und Drogen, für HIV oder psychische Erkrankungen.

Laut Süddeutscher Zeitung liegen gegen den Initiator inzwischen eine Dienstaufsichtsbeschwerde und eine Strafanzeige vor. Und es gibt inzwischen eine Gegenpetition.

Kultusminister Stoch sagt: "Uns unterstellt die Petition Indoktrination. Das kann sie nur, weil der Verfasser selbst aus einer Haltung der Intoleranz heraus argumentiert." Derweil erhält er viele E-Mails, in denen zum Beispiel steht: "Sie wollen, dass unsere Kinder nicht mehr fruchtbar sind" oder "Homosexualität ist eine Krankheit". "Viele Menschen sind unsicher", sagt Stoch. "Die Petition zeichnet ein Zerrbild, nutzt die Ängste und die Uninformiertheit vieler Menschen." Umso wichtiger, dass das Thema umfassend in der Schule behandelt wird.