Zieldifferentes Lernen nennt sich das Konzept. In Mathe zum Beispiel lernen die Schüler Bruchrechnung, die geistig beeinträchtigten Kinder lösen Aufgaben, die sie bewältigen können. Unterschiedlicher Stoff, unterschiedliches Tempo. Die Übungen werden für die sogenannten I-Kinder vorab erstellt. "Klar, der Zeitaufwand, um eine Unterrichtsstunde vorzubereiten, ist größer als in anderen Klassen", sagt Lehrerin Franziska Jaap. Zusammen mit ihrem Kollegen hat sie Fortbildungen besucht, gelernt, eine inklusive Schulstunde zu gestalten.

"Komm, komm!", ruft Larissa. Sie will ihrer Einzelfallhelferin Sarah Knigge auf dem Xylofon etwas vorspielen. Die Erzieherin ist Larissas Bezugsperson, ihre Vertraute. Manchmal kuschelt die Schülerin in den Pausen mit ihr. Knigge weiß das Mädchen zu deuten, kennt seine Launen. "Wenn Larissa etwas nicht will, dann bockt sie eben." So wie heute Morgen im Sportunterricht. Dennoch war heute ein guter Tag. Larissa hat in der Früh drei Mathe-Blätter geschafft. "Mathe", sagt Larissa fröhlich. Das ist ihr Lieblingsfach.

Jeden Tag schreibt Erzieherin Sarah Knigge einen kurzen Bericht, der nachmittags von Mutter Krol gelesen wird. Noch bis Ende des Schuljahres wird Knigge das Mädchen unterstützen, mit ihm lernen, es motivieren. Danach kommt jemand Neues. Bis zur zehnten Klasse wird ein Einzelfallhelfer Larissa begleiten.

"Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif", sagt Schulleiter Winfried Baßmann. Das Gymnasium musste Rahmenbedingungen schaffen: mehr Personal, neue Lehrmaterialien, ein Raum, in den sich die behinderten Schüler zurückziehen können. All das kostet. Nordrhein-Westfalen diskutiert derzeit, wie die Inklusionskosten finanziert werden sollen. Ab dem Schuljahr 2014/2015 soll es in NRW inklusiven Unterricht geben. Die Kommunen als Schulträger wollen die Kosten für Umbauten und Personal alleine nicht stemmen. Mit 175 Millionen Euro will sich die Landesregierung in den ersten fünf Jahren an den Kosten beteiligen. Selbst wenn die Mittel der derzeitigen Förderschulen in Deutschland weitgehend zu den Regelschulen umgeschichtet würden, bräuchte es bundesweit jährlich 660 Millionen Euro für 9.300 zusätzliche Lehrkräfte. Oft scheitert Inklusion an der Kassenlage der Kommunen.

Die Stadt Hannover hat sich kooperativ gezeigt. Sie zahlt unter anderem das Taxi, das Larissa morgens abholt und mittags wieder heimfährt. "Natürlich werde ich oft gefragt, warum ich mein behindertes Kind aufs Gymnasium schicke", erzählt Therese Krol. Wird Larissa dort nicht überfordert? Muss sie nicht jeden Tag spüren, dass sie anders ist, dass sie nicht mithalten kann?

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, äußert sich in der Debatte skeptisch zum Thema Inklusion geistig Behinderter: "Es ist die Frage, ob es wirklich im Interesse des Kindeswohls ist, ein Kind auf eine Bildungslaufbahn zu schicken, wo es auf kurz oder lang eine Enttäuschung nach der anderen erfährt." Kraus, Onkel eines 24-Jährigen mit Downsyndrom, sagt: "Mein Neffe wäre in einer Regelschule untergegangen." Larissas Eltern hingegen sagen, für ihre Tochter sei es gut, wenn sie mit normalen Kindern unterrichtet wird. Henris Eltern sagen, für ihren Sohn sei es gut, wenn er mit den Freunden zur Schule gehen kann. Beide Familien wollen das Kind auf einem Gymnasium sehen, auch wenn es dort nie Abitur machen wird. "Larissa wird ja nicht einmal einen Hauptschulabschluss schaffen, auf gar keiner Schule", sagt Mutter Krol. Sie ist gegen das System der Förderschule, glaubt, dass Larissa auf dem Gymnasium besser lernt. Der Sprachschatz der 15-Jährigen habe sich vergrößert, ihre Fähigkeiten und ihr Verhalten hätten sich verbessert.

Eine neue Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) belegt: Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die an einer Regelschule unterrichtet wurden, weisen höhere Leistungen auf als Schüler in Förderschulen. Doch inwieweit profitieren die nichtbehinderten Schüler von inklusivem Unterricht? Werden sie nicht eher in ihrem Lerntempo gebremst, weil sie Rücksicht auf die Schwachen nehmen müssen? Leiden nicht letztlich die Noten?

"Manche Eltern hatten anfangs Angst, dass der Unterricht an Qualität verliert", sagt Schulleiter Baßmann. Auch ein Mitschüler von Larissa erzählt: "Als meine Eltern erfuhren, dass nun auch ein Autist in die Klasse kommt, wollten sie mich von der Schule nehmen." Er kann seine Eltern überzeugen, ihn in der Inklusionsklasse zu lassen. Die Frage, ob er denn ein Problem mit den I-Kindern hätte, verneint er: "Nö, ist eigentlich normal." Die anderen Mitschüler reagieren ähnlich, zucken teilweise die Schultern. "Also mit Larissa bin ich immer gut klargekommen", sagt eine Mitschülerin. Man gewöhne sich schnell dran. Manchen scheint es auch gleichgültig zu sein, dass vier Mitschüler eine Behinderung haben. "Die sind halt da."

Winfried Baßmann ist überzeugt: Inklusion lehrt Kinder Rücksicht und Toleranz. "Ein Gymnasium ist längst keine reine Lehranstalt mehr, sondern es geht auch darum, den Schülern soziale Kompetenzen zu vermitteln." Bislang wurde kein behindertes Kind am Kurt-Schwitters-Gymnasium abgewiesen. Geistig Beeinträchtigte seien prinzipiell "gut inkludierbar", so der Schulleiter. Ablehnen würde die Schule hingegen schwerstbehinderte Kinder, die gewindelt werden müssen und nicht sprechen können. Für solche Fälle haben Regelschulen keine Kapazitäten. Ein Kind mit Downsyndrom, so wie Larissa, würde Baßmann jedoch wieder aufnehmen.

Mittlerweile hat sich auch die anfängliche Skepsis der Eltern gelegt: Die Inklusionsklasse schneidet im Vergleich mit den Parallelklassen im Notendurchschnitt am besten ab. Therese Krol glaubt daher, dass die leistungsschwachen Schüler am meisten von der Inklusion profitieren. Die Lehrer seien stärker darauf geschult, die Schüler individuell zu betrachten, sie seien aufmerksamer. Erzieherin Sarah Knigge hat eine andere Erklärung: "Wenn die anderen Kinder den Stoff nicht verstehen, können sie drei weitere Ansprechpersonen fragen. Das haben andere Klassen nicht."

13.10 Uhr, ein lautes Schellen hallt durch die Flure des Kurt-Schwitters-Gymnasiums. Der Unterricht ist zu Ende. Larissa Krol packt ihre Sachen zusammen, sie kann nach Hause gehen. Im heutigen Bericht wird stehen: Mathe und Musik gut, Sport so lala. Klingt nach einem ziemlich gewöhnlichen Schultag.