Die Mutter war besorgt. Oder eigentlich der Großvater. Beide fanden es in Ordnung für das Kind, das mit der evangelischen Schule, ein schönes Gebäude, nette Lehrer. Aber eins sei schade. Dass man ja dann keine Jugendweihe mehr feiern kann. Die Jugendweihe sei doch so ein schönes Fest.

Schulleiter Michael Tiedje wundert sich oft, welche Wege sein Wriezener Gymnasium in den letzten Jahren gegangen ist und auch die Abitur-Klassen, die jetzt die Schule verlassen und in denen sich die Eltern anfangs noch Sorgen um die Jugendweihe machten. Damals suchte man gemeinsam nach einer Lösung: Die Eltern erfanden einfach ihr eigenes Fest, die "Jugendfeier". Irgendetwas jenseits von Konfirmation und Jugendweihe, und sie feiern es nun schon seit ein paar Jahren im Veranstaltungssaal der Schule.

Solche neu erfundenen Zeremonien könnte es künftig noch häufiger geben. Während in Ostdeutschland seit Jahren öffentliche Schulen schließen, weil die Schüler fehlen, wächst die Zahl der Privatschulen. In Brandenburg geht inzwischen etwa jeder zehnte Schüler auf eine solche Schule in freier Trägerschaft und davon jeder dritte auf eine kirchliche Schule. Damit liegt Brandenburg bundesweit im vorderen Drittel. Es ist ein Trend, der sich in den kommenden Jahren noch verschärfen wird.

Nutzt den kirchlichen Schulen also das Schulsterben im Osten? Oder ist es umgekehrt: Retten sie mit ihren flexibleren Konzepten Schulstandorte, die sonst verloren gehen würden? Und, darf der Staat hier dagegenhalten?

Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich ein Ausflug nach Wriezen, am nordöstlichen Rand von Brandenburg, ein paar Kilometer vor der polnischen Grenze. Die Stadt zählt etwa 8.000 Einwohner und dieses Jahr vier Konfirmanden. Es ist eine schrumpfende Stadt. "Am Anfang hatten wir es nicht leicht", sagt Schulleiter Tiedje, während er durch das helle Schulgebäude aus den zwanziger Jahren führt. Links vom Vertretungsplan hängt ein Kreuz, darunter ein Korb mit Äpfeln.

Einmal die Woche Gottesdienst – für Brandenburg ein streng christliches Profil

Der junge Schulleiter schaut von Raum zu Raum, spricht mit den Jugendlichen. Die tragen Schulkleidung, oben hellblaues Hemd mit Schullogo, unten blau oder schwarz. Zum Mittagessen treffen sich alle in der Kantine unter dem Dach der Schule. Zuerst wird der Gong geschlagen, einer spricht ein Tischgebet, dann wird gegessen. Ein Mal die Woche ist Gottesdienst. Für eine kirchliche Schule im Osten ist das ein strenges christliches Profil.

"Anfangs gab es Vorbehalte gegen alles, was kirchlich war und was nicht vom Staat kam", sagt Schulleiter Tiedje. Dabei hätten die Wriezener vom Staat nicht mehr viel erwarten können. Der Landkreis hatte beschlossen, das Wriezener Gymnasium zu schließen, um die zwei anderen Gymnasien im Landkreis zu retten.

Damit wollte sich der Bürgermeister von Wriezen aber nicht abfinden und suchte nach einem privaten Träger. Die strengen Vorschriften, wie viele Schüler eine Schule mindestens haben müsse, gelten nur für staatliche Schulen, nicht für private. Deshalb sind sie besonders für den ländlichen Raum eine Alternative. Das staatliche Gymnasium lief im Sommer 2007 aus und an selber Stelle eröffnete nach den Sommerferien das evangelische Johanniter-Gymnasium, mit neuen Lehrern und neuen Schülern.

Am Anfang musste Schulleiter Tiedje viel erklären: "Im Elterngespräch saßen verunsicherte Eltern, denen man erzählt hatte, wir würden kreationistische Schulbücher verwenden." Schulbusse nach Wriezen wurden eingestellt, weil die Stadt offiziell kein Gymnasialstandort mehr war. Doch das evangelische Gymnasium hat sich durchgesetzt. "Wir haben bis heute jedes Jahr mehr Bewerber als Plätze", sagt Tiedje. Das christliche Profil scheint viele atheistische Eltern nicht zu verschrecken und auch die Schüler nehmen es gelassen.

Außer das mit der Schulkleidung. "Am Anfang finden das alle super", erzählt Tiedje "aber ab der achten Klasse wird es oft zum Problem." Dann rebellieren die Schüler und probieren mit eigenen Kleidungsideen, wie weit sie kommen. Wer überreizt, bekommt für einen Tag Schulkleidung von der Schule gestellt und von Zeit zu Zeit ein Gespräch mit dem Schulleiter.

Überhaupt wird viel gesprochen an der neuen Schule. Sogar die Putzfrau begrüßt Gäste mit Händeschütteln und einem kurzen Gespräch. Die offene Atmosphäre wird von vielen Eltern gelobt – und das ist für Privatschulen überlebenswichtig. Es gibt Bildungsexperten, welche die leicht besseren Schulleistungen an Privatschulen vor allem auf ein besseres Schulklima zurückführen.

Kritiker bemängeln, dass durch das gestiegene Angebot von Privatschulen die Gefahr einer sozialer Teilung wachse. Nicht weil sich hier die "Kinder reicher Eltern" versammelten – in Wriezen ist das Schulgeld einkommensabhängig und beginnt bei moderaten 60 Euro im Monat. Problematisch sei eher die gemeinsame Erwartungshaltung der Eltern nach einer alternativen Bildung. Hieraus könnten an Privatschulen "neue Monokulturen" entstehen, so der Bildungsexperte Professor Manfred Weiß in einer Studie zu Privatschulen in Deutschland.