In den gebundenen Ganztagsschulen machen die Lehrer ganz andere Erfahrungen, das hat die Auswertung von TIMSS und Iglu ergeben – Eltern mit Migrationshintergrund engagieren sich dort nämlich besonders häufig. Eine Mutter bietet einen Nähmaschinenkurs als AG an, andere Eltern organisieren Elterncafés mit den Sozialarbeitern der Schule. Wenn sie mit ihren Fähigkeiten ernst genommen werden, kann das eine enorme Wirkung entfalten. Eltern glauben mehr an sich selbst: dass sie in der Schule etwas bewegen und dass sie ihren Kindern beim Lernen helfen können. Das hat viele positive Konsequenzen. Ganz praktische, weil das Kind nach einem Elternkurs einen Fahrradhelm aufsetzt. Aber auch langfristig ändert sich oft viel: Die Kommunikation mit den Lehrern wird besser, das Schulklima auch. Die Kinder sind stolz auf ihre Eltern, das Vertrauen in der Familie wächst, und sowohl Eltern als auch Kinder identifizieren sich mehr mit der Schule – was wiederum dazu führt, dass die Kinder lieber lernen.

All das kann allerdings umschlagen in das, wovor sich manche Lehrer fürchten. Eltern stellen plötzlich selbstbewusst Forderungen, die der Schule nicht gefallen, zum Beispiel, dass keine Kinder mit besonderem Förderbedarf aufgenommen werden sollen. Sie beschimpfen Lehrer, die sich ihrer Ansicht nach nicht genug engagieren, und schlagen so viele Projekte vor, dass sie keiner mehr umsetzen kann.

Vorurteil 3: Lehrer sind arrogant und empfinden Elternarbeit als Einmischung

Wobei wir beim nächsten Vorurteil wären: Lehrer halten nicht viel von Elternarbeit. Tatsächlich zeigt die Studie: Wenn der Schulleiter und sein Team nicht überzeugt sind, funktioniert es nicht. Zumindest ein Drittel der Gymnasiallehrer empfindet die Mitarbeit von Eltern eher als lästig, weil sie sich einmischen, und weil die Lehrer von ihnen mehr Arbeit fürchten als Hilfe erwarten. Sie möchten sich lieber auf das Lernen mit den Kindern konzentrieren und den Eltern nur den Stand der Dinge mitteilen.

Das ändert sich oft dann, so zeigen die Erfahrungen aus den Interviews, wenn eine Schule die Hilfe der Eltern braucht, weil zum Beispiel die Lehrer nicht allein die Schulräume oder den Schulgarten neu gestalten können. Lehrer machen dann die Erfahrung, wie effektiv es sein kann, mit den Eltern ohne konkreten Anlass und auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen, statt immer erst dann, wenn es eine Krise gibt.

Es gibt aber auch organisatorische Gründe, die Lehrer und Schulleiter abschrecken: Oft fehlen die Ressourcen. Schulleiter müssen das Budget für Lehrerstunden umwidmen, um zum Beispiel ein Elterncafé zu finanzieren. Lehrer müssen freigestellt werden, um Zeit für die Eltern zu haben und den Kontakt zu anderen Partnern aus dem Stadtteil zu suchen. Es gibt zu wenige Schulsozialarbeiter, die die treibende Kraft für die Elternarbeit sein könnten. Oder Schulen müssen ihre Angebote von externen Partnern finanzieren lassen, was manchmal verhindert, dass sie langfristig bestehen bleiben. Die Autoren der Studie fordern deshalb, Elternarbeit als festen Bestandteil der Schulpolitik zu sehen und auch mit eigenen Budgets zu versehen.