ZEIT ONLINE: Wie kann es sein, dass über 20 Prozent der Menschen zwischen 18 und 30 Jahren mit Auschwitz nichts verbinden, wie eine Forsa-Umfrage ergeben hat?

Hanns-Fred Rathenow: Ich bin sehr skeptisch, ob man den Einstellungen zum Holocaust mit Hilfe von Zahlen nahe kommen kann. Wichtig ist ja nicht, ob ein junger Mensch aufsagen kann, wo Auschwitz liegt und wie die einzelnen Konzentrationslager hießen. Ziel der politisch-historischen Bildung ist es vielmehr, Verhaltensweisen hervorzurufen, die unserer Demokratie förderlich sind.

ZEIT ONLINE: Aber ist der Holocaust nicht Dauerthema in der Schule? Müsste nicht jeder wissen, was Auschwitz ist?

Rathenow: Ein geschichtliches Minimalwissen finde ich wichtig und es gibt die Tendenz zu fordern, dass sich Schule intensiver mit der Geschichte auseinandersetzen muss. Gleichzeitig wird die Stundenzahl gekürzt, die dem Lehrer dafür zur Verfügung steht. Unter diesen Bedingungen finde ich es wichtiger, dass Schüler das Geschehen in die Zeitgeschichte einordnen können, als dass sie Namen und Zahlen kurzfristig abrufen können. Und noch viel wichtiger ist die Frage: Was hat das mit uns zu tun? Entwickle ich aus der Geschichte eine klare Haltung?

Wenn ein Jugendlicher sich vor einen arabischstämmigen Flüchtling stellt, weil dieser angegriffen wird, dann kann das auch die Wirkung eines guten Geschichts- oder Politikunterrichts sein, ohne dass wir das je mit Umfragen feststellen könnten.

ZEIT ONLINE: Über 80 Prozent der Deutschen würden laut einer anderen Umfrage die Geschichte der Judenverfolgung gerne "hinter sich lassen" und sich gegenwärtigen Problemen widmen. Läuft da etwas falsch im Geschichtsunterricht?

Rathenow: Für diese Haltung gibt es keine alleingültige Erklärung. Eine mögliche ist aber schon der verkrampfte Schulunterricht. Ende der sechziger Jahre haben Studenten ihre Väter, die Tätergeneration, angegriffen. Für sie hatte die Nachkriegsgeschichte diese persönliche Bedeutung. Als Lehrer haben sie nun Spuren hinterlassen mit ihrem moralischem Impetus. Ihre Methoden sind heute nicht mehr zielführend. Berliner Rahmenpläne gestatten ihnen zum Beispiel, den Holocaust in der 5. und 6. Klasse, in der 9. und dann noch mal in Sekundarstufe II durchzunehmen. Wenn dabei frontal nur Daten, Fakten, Herrscher und Kriege erklärt werden, wie üblich, kann das bei den Schülern zu Abwehrreaktionen führen.

ZEIT ONLINE: Sollten Jugendliche also verpflichtet werden, KZ-Gedenkstätten zu besuchen, wie es der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster gefordert hat? Damit Geschichte erlebt wird?

Rathenow: Die Forderung kann ich verstehen. Aber ein Besuch in Auschwitz liefert nicht automatisch authentische Informationen. Denn wir gehen nicht wirklich in ein KZ – dazu  kommen wir viel zu spät. Heute besuchen wir eine Gedenkstätte, und die ist überlagert von 70 Jahren Erinnerungskultur. Wenn der Ausflug eine Zwangsveranstaltung ist, hat er noch weniger Chancen, die Schüler zu berühren. Der Besuch einer Gedenkstätte kann zwar die Schüler erschüttern, wenn Lehrer ihn so vorbereiten, dass er nicht einfach irgendein Wandertag ist. Das geschieht aber nicht automatisch.