Mittagszeit an einem regnerischen Dezembertag. Kinder toben, es riecht nach Eintopf. Hinter vergitterten Fenstern der offenen Ganztagsschule (OGS) Hochfelder Markt in Duisburg liegt die Schulmensa mit 20 Plätzen für 300 Grundschulkinder. Viele Familien aus Südeuropa schicken ihre Kinder hier zur Schule. Etliche leben nur vom Kindergeld und können nicht einmal den Mindestbeitrag von 50 Euro im Monat für das Schulessen beisteuern. Deshalb hat der Caritasverband Duisburg die "Satt und Warm"-Aktie ins Leben gerufen. Für jeweils ein paar Euro haben Bürger Anteile erworben – und finanzieren damit für ein Dutzend Kinder das Mittagessen.

Die Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt. Die Hälfte der Kinder lebt von Transferleistungen, viele wohnen mit ihren Familien auf engstem Raum. Gerade ihnen soll die Ganztagsschule nutzen: Die Hoffnung ist, dass hier der Bildungserfolg etwas mehr von der sozialen Herkunft der Schüler entkoppelt werden kann.

Der offene Ganztag wird gemeinsam von Grundschulen und freien Trägern getragen – am Hochfelder Markt betreut der Caritasverband Duisburg das Nachmittagsangebot. Corinna Stanioch leitet dort den Bereich "Sozialarbeit und Betreuung an Schulen" und sagt, gerade die Kinder, deren Familien aus Südeuropa, Bulgarien oder Rumänien zugewandert sind, profitieren. "Sie haben in der Schule die Chance, acht Stunden am Tag Deutsch zu sprechen." Aber nur rund 60 der 300 Kinder besuchen die Nachmittagsangebote am Hochfelder Markt. Die überschuldete Stadt Duisburg hat kein Geld, die Zahl der Ganztagsschulkinder nicht weiter wachsen zu lassen. 

Von einem Festbetrag von 1.345 Euro pro Kopf im Jahr, also von einem Jahresbudget von rund 90.000 Euro für 60 Kinder, müssen die OGS-Träger in Duisburg alle Kosten bestreiten: Honorare für Verwaltungskräfte und Küchenpersonal, Aufsicht beim Mittagessen, Betreuer von Freizeitangeboten, Hausaufgaben und Arbeitsgemeinschaften. "Die Belastung für die acht Beschäftigten ist hoch, oft gehen sie ans Limit", sagt Jörg Stratenhoff, Sprecher der Träger der offenen Ganztagsschulen in Duisburg. Corinna Stanioch ergänzt: "Wenn vermehrt Kinder mit Migrationshintergrund eine Ganztagsschule besuchen, reicht der niedrige Festbetrag nicht für die individuelle Förderung der einzelnen Schüler." Die Erzieher leiden nicht nur unter der Lärmkulisse in beengten Räumen, sie haben auch zu wenig Zeit, auf jedes Kind einzugehen.

Ein Migrantenkind aus Hochfeld kommt selten aufs Gymnasium

Es fehle außerdem an Fortbildungen und Beratungsangeboten für die Eltern. Denn ohne deren Mithilfe wird es nicht mehr Gerechtigkeit geben können. "Viele Eltern sind schon damit überfordert, den Kindern in der ersten Klasse bei den Hausaufgaben in Mathematik zu helfen", erläutert Konrektorin Jennifer Poschen von der OGS Hochfelder Markt. Die Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag ist deshalb zentral. Nur zehn bis zwölf Kinder sollen pro Hausaufgabengruppe von einer Fachkraft betreut werden. "Das A und O sind dabei Absprachen mit den Lehrkräften und die engmaschige Begleitung", erklärt die Konrektorin.

Vom Land bekommen Lehrer dafür auch Stundenanteile zugesichert, um sich mit den Pädagogen des Nachmittagsprogramms zum Beispiel über die individuelle Förderung abzustimmen. Darüber hinaus hat die OGS Formblätter erstellt, damit Lehrerinnen Informationen an die Erzieherinnen im Ganztag weitergeben können. "Die gemeinsame Zeit reicht aber nicht aus", sagt Corinna Stanioch von der Caritas. Die Hausaufgabenbetreuung sei außerdem keine Nachhilfe, die die Kinder eigentlich bräuchten

Außerdem seien die meisten Hausaufgabengruppen in Wirklichkeit zu groß, sagt Sabine Unger, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Ostwestfalen-Lippe. Viele Schulen der Stadt erheben deshalb zusätzlich Beiträge von den Eltern für Hausaufgabenbetreuung und Förderangebote. Kinder aus sozialen Brennpunkten hätten keine Chancen, da mitzumachen, meint Thomas Bungarten: "Ein Migrantenkind aus Duisburg-Hochfeld überrascht, wenn es auf ein Gymnasium kommt." Ein Blick in den aktuellen Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung belegt das. Nur etwa jeder dritte Grundschüler in Duisburg wechselt auf ein Gymnasium, ähnlich sind die Zahlen in Wuppertal, Gelsenkirchen und Bottrop.

Bonn profitiert von einkommensstarken Eltern

Reichere Städte wie Aachen, Bonn oder Düsseldorf subventionieren offene Ganztagsschulen mit freiwilligen Zuschüssen, damit die OGS-Träger mehr Personal einstellen können. Sie schneiden auch beim Chancenspiegel besser ab. Fast die Hälfte der Grundschüler wechselt auf ein Gymnasium.

In Bonn bekommen offene Ganztagsschulen 2.115 Euro pro Kopf im Jahr. Eltern verdienen so gut, dass die Stadt einen beträchtlichen zusätzlichen Betrag (720 Euro pro Kind) an jeden OGS-Platz weiterreichen kann. Außerdem legt Bonn freiwillig 460 Euro pro Kopf auf den kommunalen Pflichtanteil drauf.