Unnötig! "Unnötig" ist die neue Standardantwort meines Kindes auf die Frage: Wie wars denn in der Schule? Die Zeiten, in denen genau dieses Kind mit leuchtenden Augen von Experimenten, Büchern, fremden Ländern oder Ausflügen berichtete, sind lange vorbei. Willkommen in der Pubertät – und in der Schule der Langeweile. 

Wie konnte das passieren? Wer hatte unser auf vielen Gebieten talentiertes Kind so frustriert und  desillusioniert? Welche Fehler haben wir als Eltern gemacht und welche die Schule? Wie konnte es so weit kommen, dass gerade an der einst "höheren Schule", dem Gymnasium, die begabten Schüler in der Menge untergehen? Dass ihre oft herausragenden Leistungen zwar gerne gesehen, jedoch längst nicht mehr erklärtes Ziel dieser Schule sind und schon gar nicht Ergebnis einer besonderen Förderung.

Lassen Sie das Kind testen, riet uns vor vielen Jahren der Grundschullehrer. Er vermute eine Hochbegabung. Wir Eltern wollten keinen IQ-Test. Wir wollten keinen Stempel. Wir wussten, dass unser Kind schnell denken, schnell rechnen, Neues schnell aufnehmen konnte. Es war uns egal, ob es hochbegabt war. Die Schule fiel ihm zu. Es ging ihm gut. Wir ließen es laufen. Die Grundschule bemühte sich: Extra-Zettel zum Rechnen, Mathezirkel am Nachmittag, Experten-Dienste im Unterricht. Und immer wieder die Frage: Soll das Kind nicht doch eine Klasse überspringen? Nein, bitte nicht! Das Kind fing an, ein Instrument zu spielen, zeichnete, trieb Sport und war froh über jeden nicht verplanten Nachmittag.

Dann kam es aufs Gymnasium. Die Entscheidung fiel pragmatisch. Die Freunde gingen da auch hin, das Kollegium machte einen modernen, motivierten Eindruck. Das Kind blieb bei seinen Einser- und Zweierzeugnissen, fuhr morgens halbwegs gut gelaunt in die Schule, fiel im Unterricht höchstens mal durch Gequassel auf, jammerte nicht über Hausaufgaben, nicht über Klassenarbeiten, fügte sich den Umständen, auch wenn diese immer weniger inspirierend waren.

Die Lehrer wechselten nun oft. Und nicht jeder hatte die Gabe, nicht jeder hatte Lust, auf den Einzelnen zu schauen. Das Gymnasium war ein Massenbetrieb, längst kein Ort mehr für die Besten. 

An einer Schule wie unserer, die offensichtlich kein Programm zur Begabtenförderung hat, hängt vieles vom Zufall ab. Da gibt es mal ein, zwei Jahre einen Lehrer, der sich an den Leistungen und der Motivation der guten Schüler erfreut, schon beschweren sich die Eltern der leistungsschwächeren Kinder, er hänge diese in seinem Eifer komplett ab. Der nächste Lehrer erklärt alles, bis es der Letzte verstanden hat, die Guten verliert er dabei. Seine Aufgabe sei es nicht, sich um die oberen Zehntausend zu kümmern, sagt er auf die Frage, wie er den etwas Begabteren entgegenkommen wolle. Gar nicht also.

Manchmal hörten wir neidisch den Berichten anderer Eltern zu. Die einen hatten sich für den Hochbegabtenzug eines Gymnasiums entschieden. Die Tochter wollte das so, weil sie die Langeweile im Klassenzimmer nicht länger ertragen konnte. Der Sohn von Freunden fuhr jeden Morgen weit mit dem Schulbus, um an einem Spezialgymnasium seiner naturwissenschaftlichen Begabung nachzugehen. Und was taten wir? Ließen wir die Talente unseres Kindes einfach so verkümmern? Mussten wir uns Vorwürfe machen? Jahrelang dachten wir, in unserer entspannten Zurückhaltung alles richtig entschieden zu haben, jetzt hatten wir ein schlechtes Gewissen.