"Legen Sie mir das bitte nicht in den Mund!"

Frage: Was hat Sie bewogen, eine Petition gegen den Bildungsplan der baden-württembergischen Landesregierung zu zeichnen?

Gabriel Stängle: Auslöser war eine Meldung im Mannheimer Morgen im August 2013. Dort hieß es, dass die SPD-Fraktion plane, Homosexualität zum Leitprinzip des kommenden Bildungsplans zu machen. Bisher waren Leitprinzipien immer Begriffe wie Kompetenzorientierung, Demokratieerziehung, Bildung und so weiter. Das hat mich aufhorchen lassen. Wie kann eine sexuelle Orientierung zum Leitprinzip für den Unterricht werden?

Frage: Was fordern Sie?

Stängle: Die bisherige Sexualpädagogik, wie wir sie seit den späten Sechzigerjahren haben, hat sich bewährt. Darauf sollten wir uns besinnen. Das verantwortungsbewusste Miteinander von Elternhaus und Schule soll fortgesetzt werden. Das Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung soll weiter gelten. Themen, die in der Wissenschaft umstritten sind, müssen auch in der Schule entsprechend dargestellt werden. Der Bildungsplan muss sich an den Werten des Grundgesetzes orientieren. Ich habe darüber hinaus gefordert, dass die hohe Suizidrate unter homosexuellen Jugendlichen erforscht und auch entsprechende Präventionsprogramme gefördert werden sollten. Die letzte Forderung bestand darin, eine Gewaltprävention zu etablieren, die sich gegen jede Form der Diskriminierung wendet, nicht nur gegen die der sexuellen Orientierung. Meine alltägliche Erfahrung ist, dass Schüler aus vielen Gründen Opfer von Diskriminierung werden können.

Frage: Das klang in der ersten Fassung Ihrer Petition aber anders.

Stängle: Die Debatte ist an Formulierungen in den Fußnoten entbrannt. Keine Frage, da waren Sätze dabei, die ich so nicht mehr formulieren würde. Da habe ich auch dazugelernt.

Frage: Was würden Sie so nicht mehr sagen?

Stängle: Der Petitionstext arbeitete sich an den inneren Widersprüchen und Ungereimtheiten der Leitprinzipien ab. Manche Aussagen wurden losgelöst vom Kontext zitiert. Ein Beispiel ist der Bezug von Gesundheitserziehung und Leitprinzipien, wo einige hineingelesen hatten, ich halte Schwule für krank.

Frage: Was haben Sie gegen das Thema Gender?

Stängle: Das Problem ist nicht das Thematisieren von Geschlechterrollen im Unterricht, sondern die unklare Vermischung von sozialen Rollen mit einer spekulativen Theorie, die die Geschlechterdualität von vornherein, aufgrund des konstruktivistischen Weltbildes, leugnet und die sexuelle Empfindungen eins zu eins mit Identität gleichsetzt. Diese Vermischung der Ebenen setzt sich in dem Bestreben, die Sprache zu reglementieren, fort. "Geschlechtergerecht" im Hinblick auf Sprache ist keine Sachaussage, sondern eine Wertaussage. Jedem, der sich diesem neuen Sprachmodus verweigert, wird damit unterschwellig unterstellt, unmoralisch zu handeln. Das führt zu einer Verwirrung! Sprachlich sollten wir Klarheit schaffen. Schüler sollen grammatikalisch richtiges Deutsch lernen. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe von Schule.

Frage: Was befürchten Sie?

Stängle: Was ich sehe, ist, dass alle totalitären Ideologen des 20. Jahrhunderts die Manipulation von Sprache im Zentrum ihres Handelns hatten. Und jetzt erscheinen derartige Vorgaben in den Leitperspektiven des Bildungsplans.

Frage: Sie stellen den Bildungsplan in Zusammenhang mit den faschistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts?

Stängle: Das habe ich nicht gesagt. Mir geht es um das Indoktrinationsverbot. Die Rohentwürfe des Aktionsplans haben eine Revision des Dudens gefordert. In der aktuellsten Version wurde das Unterstrich-I eingefordert. Mit welcher Legitimation führt eine Landesregierung Sprachveränderungen durch?

"Ich bekenne mich zu unserer pluralistischen Gesellschaft"

Frage: Was kann denn Schlimmes passieren, wenn Lehrer auf eine diskriminierungsfreie Sprache achten?

Stängle: Es ist doch erschreckend, dass in der Erstellung des Aktionsplans mit und von Ministerialvertretern überhaupt darüber diskutiert wird, in die Meinungs-, Presse-, Glaubens- und Forschungsfreiheit einzugreifen. Dass es Frau und Mann gibt, gilt als veraltetes Menschenbild. Hochschulen, an denen dies der Forschung zugrunde liegt, sollten Gelder gestrichen werden. Es soll Druck auf Kirchen und Glaubensgemeinschaften ausgeübt werden, um die Segnung von Homosexuellen zu erzwingen und queere Gottesdienste zu feiern. Da ist die Bekenntnisfreiheit betroffen. Wo die dritte Elternschaft für sogenannte Regenbogenfamilien eingeführt werden soll, ist Artikel 6 betroffen. Die Forderung nach Sanktionen für transphobe und homophobe Medien kommt einer aktiven Medienüberwachung gleich. Nach meinem Empfinden atmet dieses Konglomerat von Reglementierungen einen Geist, der mit einem freiheitlich-demokratischen Verständnis nichts zu tun hat.

Frage: Ist der Bildungsplan nur ein Zwischenschritt hin zu einer faschistischen Ideologie?

Stängle: Faschismus hat damit nichts zu tun, legen Sie mir das bitte nicht in den Mund! Es geht mir um den umfassenden Anspruch, mit dem die Begriffe "Gender", "Diversity", "Inklusion" und "Akzeptanz von Vielfalt" zu einzigen Garanten von Integration von Benachteiligten erklärt werden, während die bewährte bürgerlich-liberale Ordnung als diesbezüglich unzulänglich gebrandmarkt wird. Hier soll die Ordnung selbst verändert werden. Und zwar von der Schule aus. Die Leitperspektiven atmen den Geist eines affirmativen Erziehungsverständnisses. Die freiheitlich-demokratische Pädagogik der letzten 200 Jahre hat sich dem Totalitätsanspruch und einem staatlichen Erziehungsanspruch, dem sie stets ausgesetzt ist, verwehrt. Der Bildungsplan und auch der Aktionsplan stellen aber viele Totalitätsfallen auf und ermutigen die Lehrkräfte noch, reinzutreten. Da ist der Gendersprech nur ein Beispiel. Im Einzelfall, da bin ich überzeugt, gehen 99 Prozent der Lehrer verantwortungsbewusst mit diesem Thema um. Aber der Bildungsplan öffnet manches Einfallstor für einen ideologisierten Unterrichtsansatz.

Frage: Haben Sie mit so viel Wind um Ihre Petition gerechnet?

Stängle: Ich bin über den Verlauf der Diskussion nicht glücklich. Der Shitstorm war beängstigend. Ich wollte auf etwas hinweisen, was in der weiteren Bearbeitung des Bildungsplans einfließen sollte. Ich wollte über Richtig und Falsch diskutieren. Medial angefeuert wurde daraus eine Debatte um Gut und Böse. Es war eine Skandalisierungsdebatte. Es ging ganz bestimmten Kräften nicht um den Inhalt der Petition. Es ging plötzlich um Homosexualität und Schule, um Homophobie, um den Sinn von Onlinepetitionen und um die Sexualerziehung an sich.

Frage: Die Kommentare unter Ihrer Petition waren furchteinflößend.

Stängle: Eine Kommentarspalte würde ich das nächste Mal nur moderiert freischalten. Zum einen war die Masse der Kommentare nicht zu bewältigen, zum anderen hatten wir darauf gar keinen Zugriff bei dem Onlineportal OpenPetition. Das war ärgerlich. Die Kommentare waren zum Teil hanebüchen!

Frage: Hanebüchen ist noch sehr nett ausgedrückt.

Stängle: Bezeichnenderweise wurde und wird mehr über diese Kommentare gesprochen als über den Inhalt der Petition.

C+W: Sie würden sich von der Homophobie, die dort Raum fand, freisprechen?

Stängle: Wieso sollte ich mich freisprechen müssen von der Homophobie anderer? In meinem Weltbild ist keinerlei Platz für Abneigung gegenüber Personengruppen. Ich bekenne mich zu unserer pluralistischen Gesellschaft, in der jeder seinen Lebensentwurf leben kann, und es liegt nicht an mir, irgendjemanden zu verurteilen.

Frage: Ihre Petition wurde auch von der NPD und dem Portal "Politically Incorrect" unterstützt. Hat Sie das nicht ins Nachdenken gebracht?

Stängle: Doch, es war sehr ärgerlich. Auch, weil es den Petitionsgegnern rhetorische Munition gab und sie es nicht mehr für notwendig hielten, auf der Sachebene zu argumentieren. Viel Energie ging in den ersten Wochen in Pressemitteilungen, Erklärungen auf unserer Homepage und in Interviews, in denen wir uns von undemokratischem Gedankengut distanzierten. Diese Kraft wäre besser in die Sachdebatten geflossen. Damit hätte sich auch die Landesregierung einen größeren Gefallen getan und wäre jetzt nicht in dieser Zeit- und Erklärungsnot, in die sie sich durch mangelnde Dialogbereitschaft manövriert hat.

Frage: Ihre Petition hat die Kommentare produziert. Und sie hat auch dafür gesorgt, dass die NPD zur "Demo für alle" aufruft.

Stängle: Das ist eine Unterstellung. Diesen Rückschluss ziehen Sie doch von der anderen Seite auch nicht. Das Gewaltpotenzial aufseiten der Gegendemonstranten in Stuttgart ist um ein Vielfaches höher: 1 zu 280, wie in einer Landtagsdrucksache nachzulesen ist. Die linke Jugend und Funktionäre der Linkspartei haben es in den aktuellen Verfassungsschutzbericht des Landes gebracht und werden im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Bildungsplankritiker explizit aufgeführt. Die verhalten sich verfassungsfeindlich. Davon haben sich die Befürworter der Pläne der Landesregierung nicht distanziert.

Frage: Sie stellen den Bildungsplan in eine Linie mit der Gewalt von Linksextremen?

Stängle: Nein. Erst aufgrund Ihrer Frage mit der NPD habe ich das Beispiel gebracht, warum bei den Gewaltexzessen der Bildungsplanbefürworter nicht genauso gefragt wird: Hat denn etwa jemand Ministerpräsident Kretschmann und Kultusminister Stoch aufgefordert, sich von den linken Schlägertrupps, die für deren Anliegen auf die Polizei losgehen, zu distanzieren? Der Vorwurf des Rechtsextremismus und des Fundamentalismus sind neben dem Begriff der Homophobie die üblichen Unterstellungen, um den Gegner im gesellschaftlichen Diskurs zu diffamieren und zu isolieren. Damit soll eine sachliche Auseinandersetzung von vornherein unmöglich gemacht werden.

Frage: Gibt es eine Homo-Lobby?

Stängle: Es gibt politisch aktive Interessengruppen, die dafür gesorgt haben, dass diese Paragrafen in die Leitprinzipien kamen. Und es gibt das LSBTTIQ-Netzwerk Baden-Württemberg, mit dem die Landesregierung letzte Woche vertraglich den Aktionsplan beschlossen hat.

Frage: Der Bildungsplan wurde überarbeitet, er wurde verschoben, es gab ein Treffen des Ministerpräsidenten mit Kirchenvertretern. Haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Stängle: Ein Treffen mit Ministerpräsident Kretschmann fand mit verschiedenen Kirchenvertretern der Landeskirchen statt. Mit mir hat sich der Ministerpräsident nicht getroffen. Die Einführung wurde um ein Jahr verschoben. Die Leitperspektiven werden in den Erprobungsschulen umgesetzt. Wir werden bis September warten müssen, bis wir Genaueres wissen. Allerdings ist der einzige Hinweis auf die Leitperspektive "Bildung von Toleranz und Akzeptanz sexueller Vielfalt", den ich darin bisher finden konnte, die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus im Fach Geschichte. Deshalb wird darüber bisher an den Schulen nicht großartig diskutiert. Ich selbst hatte schon das Thema in einer historischen Projektarbeit über verfolgte Minderheiten mit Schülern erforscht, unter anderem das Schicksal eines Homosexuellen in meiner Stadt. Ich dürfte der erste Lehrer Baden-Württembergs sein, der einen guten Ansatz des neuen Bildungsplans schon umgesetzt hat, noch bevor er in Kraft tritt.