Yiğit Muk könnte einem Menschen mit bloßer Muskelkraft die Knochen brechen. Früher hat er das auch gerne gemacht. Einfach so, aus purer Lust an der Überlegenheit. Besonders, wenn er angetrunken war und mit seiner Gang auf den Straßen Neuköllns unterwegs. Heute bestellt er Tee, Geschmacksrichtung "Persischer Apfel", grinst charmant und sagt Sätze wie "Ich mag es, das Klischee zu negieren".

Das Klischee Yiğit Muk, er selbst nennt es "Hauptschulproll", sieht so aus: ein unglaublich breit gebauter Typ, betont o-beiniger Gang, über die Brust gespanntes Muskelshirt. Sein "ich" manchmal immer noch mehr ein "isch". Er verbringt viel Zeit in einem Shisha-Café, wo man ihm wie selbstverständlich den VIP-Raum überlässt. Aber er wohnt nicht mehr in Neukölln, sondern in einer der bürgerlichsten Ecken von Berlin-Wilmersdorf. Er prügelt nicht mehr auf die Köpfe anderer ein, sondern sieht sich nun gerne Bundestagsdebatten an im Fernsehen. Er, der einst kaum die Hauptschule schaffte, legte 2012 das beste Abitur in der Geschichte seiner Schule hin.

Vom Hauptschulproll zum Einserschüler. Inzwischen studiert Yiğit Muk Wirtschaftswissenschaften, und über seine Geschichte, die sich so wunderbar nach bildungsbürgerlicher Fantasie anhört, hat er ein Buch geschrieben. Es heißt Muksmäuschenschlau. Der niedliche Titel, das Cover, auf dem er im Oberhemd seine riesigen Arme vor einer Schultafel verschränkt – beides vermarktet eine feelgood-Aufsteigergeschichte. Da hat es einer auf die gute Seite geschafft. Früher Schläger, heute Akademiker. Die Muskelberge dekoratives Überbleibsel aus der dunklen Zeit vor der Läuterung. Ein ferner und deshalb schöner Grusel für die Leser.

Zum Glück ist es dann doch nicht so schwarz-weiß. Muk ist nämlich, das zeigt sein Buch und das Gespräch mit ihm, im Grunde die ganze Zeit der Gleiche geblieben. Nur, dass er heute seine Tage anders verbringt.

Yiğit Muk ist das jüngste von drei Kindern. Der Vater ist so eifersüchtig, dass er seiner Frau nicht erlaubt, arbeiten zu gehen. Die Mutter hofft stattdessen auf ihre Kinder. Yiğits ältere Geschwister sind zwar eher artig, aber nicht so erfolgreich, wie sie sich das wünscht. Und Yiğit Muk selbst? Interessiert sich für nichts weniger als Zeugnisse. Er gründet eine Straßengang, die sich bald mit den örtlichen Rockern misst. Das ist sein erster Erfolg. Die Gang ist so brutal, dass Yiğit, der Teenager, bald nur noch gleichmütig in die Mündung der geladenen Waffen blickt, die Zielfahnder auf ihn richten.

In einer Szene des Buches sticht einer seiner Freunde einen Passanten nieder, der sich bei einer Verfolgungsjagd zwischen zwei verfeindeten Gangs einmischt. Selber schuld, konstatiert der Autor: "Zivilisten hielten wir stets so gut es ging aus unseren Kämpfen raus. Doch wenn sie aktiv um Teilnahme baten, konnten wir für nichts garantieren." Konsequenterweise wird das Buch vom Verlag erst Lesern ab 16 Jahren empfohlen.

Schlimm: Der Fahrrad-Lehrer

Yiğit Muk schreibt darüber, als handele es sich um eine ganz normale Jugend. "Na klar", sagt er heute, "für uns war das ja auch normal." Dass er sich nicht im Nachhinein erhebt über seine Jugend, sich nicht verleugnet, sondern lakonisch nacherzählt, ist die größte Stärke des Buchs. Über einen unglückseligen Lehrer heißt es: "Als er dann eines Tages von einem meiner Mitschüler im Straßenverkehr auch noch dabei erwischt wurde, wie er vorm Abbiegen ein Handzeichen setzte, war sein Untergang endgültig besiegelt. Allein die Tatsache, dass er Fahrrad fuhr, strapazierte unsere Toleranz schon aufs Äußerste. Aber Handzeichen setzen... Das war für uns der Inbegriff von Schwäche!"

In Yiğit Muks Polizeiakte landen trotz allem nur ein paar Sozialstunden. Der Junge ist schnell. Andere nehmen Drogen, stellen sich blöd an und werden geschnappt. Er entkommt meistens. Er ist gut in dem, was er macht.

Die Schule gehört nicht dazu, sie interessiert ihn einfach nicht damals. Als er nach der Grundschule auf eine stadtbekannte Problemschule wechseln soll, beginnt sich etwas zu drehen. Die Mutter bricht in Tränen aus – und verlässt in Eigenregie die Wohnung, um den Sohn auf einer anderen Schule anzumelden, die einen besseren Ruf hat. Dann, das ist der zweite kleine Schock, stirbt der Bruder eines Freundes an Leukämie. Plötzlich stehen die härtesten Jungs von Neukölln am Totenbett eines Gleichaltrigen. Beim Anblick der trauernden Eltern, sagt Yiğit Muk, habe er an seine eigenen denken müssen. Auch die anderen scheinen sich zu besinnen: Einige Wochen bleibt es friedlich. Die Gang hält still.