ZEIT ONLINE: Professor Maaz, Migration ist im aktuellen Bildungsbericht Schwerpunktthema wie schon vor zehn Jahren. Mit den vielen Flüchtlingen kommen heute noch mehr Kinder und Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen in die Kindergärten und Schulen. Was haben Sie herausgefunden?

Kai Maaz: Die Daten, die bis jetzt vorliegen, sind äußerst dünn. Was wir wissen: Die Mehrheit der Zugewanderten ist jünger als 25 Jahre. Diese Botschaft ist für das Bildungssystem von elementarer Bedeutung, denn Zuwanderung ist zuallererst eine Bildungsaufgabe. Die Schulen, aber auch Kindertageseinrichtungen und das berufliche Bildungssystem müssen sich darauf einstellen. Wir haben anhand der Flüchtlingszahlen von 2015 den Mehrbedarf an Personal und Geld ausgerechnet und kommen auf eine Summe von 2,2 bis drei Milliarden Euro, die in den Schulen, Kindergärten und in die berufliche Bildung jährlich investiert werden müsste. Darin enthalten sind die Kosten für Lehrkräfte und Sozialarbeiter, die flankierend unbedingt notwendig sind.

ZEIT ONLINE: Wissen Sie, wie viel tatsächlich ausgegeben wird?

Maaz: Nein, aber wir wissen zum Beispiel, wie viele Vorbereitungsklassen eingerichtet wurden: Sie wurden um mehr als das 20-Fache ausgebaut. Die Bundesländer reagieren also alle und nehmen sich der Thematik an. Wichtig ist, wie sie die Situation in Zukunft bewältigen. Die Insel-Lösung mit den Vorbereitungsklassen ist für den Moment sinnvoll, sollte aber nur temporär sein. Dauerhaft ist es besser, die Kinder der zu uns Geflüchteten schnell in die regulären Klassen zu integrieren.

ZEIT ONLINE: Es betrifft nicht nur die Flüchtlingskinder, wenn Sie von der "Heterogenität der Lerngruppen" in deutschen Schulen sprechen. Sie fordern innovative pädagogische Lösungen dafür. Welche?

Maaz: Adaptiver Unterricht zum Beispiel und individuelle Förderung. Sie kommen völlig unabhängig von den Migranten allen Schülern zugute. Der Umgang mit Heterogenität ist ein Thema, das verstärkt die Unterrichtspraxis prägen wird und verstärkt in die Lehrerbildung implementiert werden muss.

ZEIT ONLINE: Insgesamt gibt es laut ihrem Bericht in Deutschland mehr Bildung, etwa durch mehr Kitaplätze und Ganztagsschulen, aber noch zu wenig Bildungsgerechtigkeit. Kommt denn dieses Mehr an Bildung bei denen an, die sie am meisten brauchen? Zum Beispiel besucht ein Drittel der Kinder inzwischen Ganztagsschulen. Sind das die Kinder aus sozial schwachen und Migrantenfamilien?

Maaz: Letztendlich ist das die Gretchenfrage. Sie macht deutlich, dass die richtigen Strukturen eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung sind, um die gewünschten Erfolge zu erzielen. Hier rückt die Prozessebene des Lernens in den Fokus, die Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden. Es ist noch viel Arbeit, damit entsprechende Angebote auch angenommen werden und Wirkung zeigen. Es reicht nicht aus, sie nur vorzuhalten. Wenn eine Schule das Ziel verfolgt, Kinder aus sozial schwachen und Migrantenfamilien zu fördern, braucht sie spezifische Konzepte. Fortgesetzter Unterricht am Nachmittag kann es nicht sein, nur Fußball-AGs auch nicht. Es gibt sehr gute Beispiele für die richtige Mischung. Oft gehen Wunsch und Wirklichkeit in den Ganztagsschulen aber noch weit auseinander.

ZEIT ONLINE: Es bleibt also vorläufig dabei: Kinder aus sozial schwachen Familien haben es schwer in Deutschlands Schulen?

Maaz: Ja, die Distanz bleibt stabil. Ein Drittel der 30- bis 35-Jährigen mit Migrationshintergrund haben keinen Schulabschluss, Menschen ohne Migrationshintergrund nur zu zehn Prozent. Ein besonderes Augenmerk muss auf Personen ohne einen beruflichen Abschluss gelegt werden, diese Gruppe ist sowohl bei den Personen ohne als auch mit Migrationshintergrund zu hoch. Unabhängig von den Befunden des Berichts müssen wir uns allerdings fragen, inwiefern Bildungschancen überhaupt gerecht sein können. Ein bestimmter Level an Ungleichheit wird immer bestehen bleiben. Dafür hat sich schon viel getan.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Maaz: Unter den Schülern aus sozial schwächeren Familien gibt es deutliche Kompetenzzuwächse. Den mittleren Schulabschluss erreichen inzwischen viel mehr Jugendliche als früher, nämlich mehr als 50 Prozent. Das betrifft Deutsche ebenso wie Ausländer. Hauptschulabschlüsse werden umgekehrt weniger – das könnten aber noch mehr werden.

ZEIT ONLINE: Und wie sieht es bei den Kleinen aus? Sie stellen fest, dass konstant knapp ein Viertel der Kinder zwischen drei und fünf Jahren eine Sprachförderung braucht. Warum ändert sich da nichts, wenn so viele Kinder die Kitas besuchen?

Maaz: Tatsächlich besuchen 95 Prozent aller Vier- bis Fünfjährigen einen Kindergarten. Eine Kitapflicht brauchen wir also nicht. Die Effekte werden sich zum einen erst langfristig zeigen. Zum anderen ist aber die Kita wie die Ganztagsschule nur eine Lerngelegenheit. Nicht alle Kinder lernen dort automatisch Deutsch. Durch die Segregation in Ballungsgebieten etwa müssen nicht Deutsch sprechende Kinder, die unter sich bleiben, ganz anders gefördert werden als in einer Kita, in der die Mehrheit der Kinder zu Hause Deutsch spricht. Wir haben außerdem festgestellt, dass für 40 Prozent der Kinder ein Förderbedarf besteht, wenn sie aus bildungsfernen Familien stammen, aber nur zu 20 Prozent, wenn die Eltern über höhere Bildungszertifikate verfügen.

Es geht also darum, sehr frühzeitig Förderbedarfe festzustellen und darauf hinzuweisen – nicht um einen Status festzulegen, sondern um individuelle Konzepte zu entwickeln. Viel von der Ungleichheit kann man im Vorschulbereich auffangen. Bisher fokussieren die bildungspolitischen Bemühungen zu sehr auf den späten Bildungsbereich. Dann ist es aber nicht mehr so effektiv.

ZEIT ONLINE: Wenn es gleiche Bildungschancen nicht geben kann, profitieren denn wenigstens die leistungsstarken Schüler von mehr Bildung?

Maaz: Das ist leider nicht so. Der Risikobereich in den Pisa-Studien, also 15-Jährige, die das unterste Lernniveau nicht erreichen, ist deutlich reduziert worden, aber die oberste Kompetenzstufe ist relativ konstant geblieben. Offensichtlich wird die Förderung eher auf die Leistungsschwachen fokussiert. Die Konsequenz muss sein: Die Floskel von der bestmöglichen Förderung für jeden einzelnen sollte wirklich ernst genommen werden. Dann würde es nämlich neben den Förderangeboten für leistungsschwache Kinder vermehrt auch Angebote für die leistungsstarken Kinder geben.