Im Zentrum von Potsdam-Schlaatz stehen eine Apotheke und Addy's Bistro, wo ein einsamer Mann schon mittags Bier trinkt. Gleich daneben ist die Schatztruhe, ein Laden der Awo, in dem jeder, der es braucht, eine gespendete Hose oder gebrauchtes Geschirr bekommt. Der Rewe gegenüber nimmt neuerdings 50 Cent für die Toilette. Wegen Vandalismus, heißt es. Der Anteil an armen und ungebildeten Deutschen und Migranten ist in dem Plattenbaubezirk im Vergleich zum sonst wohlhabendem Potsdam hoch. Mittendrin liegt die Weidenhof-Grundschule.

Die Willkommensklasse der Schule ist eine kleine, geborgene Welt in dieser anstrengenden Umgebung. Zwölf Kinder lernen hier Deutsch. Sie kommen aus sieben Nationen und sind zwischen neun und 13 Jahren alt. Unter ihnen Robila und Mahmood aus Afghanistan, Ali, Waled und Rosl aus Syrien. Fünf Kinder, an denen man lernen kann, wie Integration funktioniert. Wir werden die fünf in den kommenden Monaten begleiten. Denn wir wollen wissen: Wie schnell kommen diese Flüchtlingskinder in Deutschland an?

Ihre Lehrerin Yvonne Albrecht hat Deutsch als Zweitsprache (DaZ) studiert. Lehramtsstudentinnen unterstützen sie drei Mal die Woche. Heute spielt eine von ihnen mit den Schwächeren ein selbst gebasteltes Angelspiel mit den Wörtern aus der Einkaufslektion: eine Wurst – zwei Würste, Milch – zwei Packungen Milch. Die andere Gruppe schreibt mit Albrecht schon Sätze.


Eigentlich setzt das Land Brandenburg nicht auf separate Willkommensklassen, sondern darauf, ausländische Kinder schnell in die regulären Klassen einzuschulen. Bildungsforscher wie etwa Kai Maaz vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), betonen, wie wichtig es sei, dass die Flüchtlinge so bald wie möglich unter deutsche Kinder kommen und am Fachunterricht teilnehmen. Sie sollen nicht in einer Parallelwelt verharren.

Von knapp 800 nicht Deutsch sprechenden Schülern in Potsdam lernen über 700 schon in Regelklassen. Kleinere Kinder, die in die Klassen 1 bis 3 gehören, werden in der Weidenhof-Schule sofort auf die Regelklassen verteilt. Die Schüler der Stufen 4–6 jedoch haben bisher nur Sport und Musik gemeinsam mit einer Regelklasse. Ab und zu geht ein einzelner Schüler mal in eine Mathestunde.

Integration - Eine Willkommensklasse in Potsdam 12 Kinder aus sieben Nationen: Alle wollen lernen und gehen gerne in die Schule.

Eine schöne Idee, denkt auch Albrecht über die schnelle Eingliederung. In der Theorie. Die Lehrer der Regelklassen hätten aber oft genug zu tun mit den zu großen Klassen und den vielen verhaltensauffälligen Kindern. In der Realität einer Brennpunktschule kann schnelle Integration bedeuten, dass die Flüchtlingskinder kaum Zuwendung bekommen. 

Neulich habe sich ein Lehrer beschwert, weil Flüchtlingskinder ihn geduzt hätten, erzählt Albrecht. Viele Pädagogen haben keine Erfahrung mit Interkulturalität und können nicht wertschätzen, was die Flüchtlingskinder leisten. Manche Kinder konnten im Heimatland noch gar nicht zur Schule gehen oder haben das Lernen auf der Flucht lange unterbrochen. Jene, die auf Arabisch oder Farsi schon lesen und schreiben lernten, müssen noch einmal von vorne anfangen, mit den lateinischen Buchstaben und von links nach rechts. Und die Fortschritte sind enorm.

Die Schattenseite der geborgenen kleinen Welt von Albrecht ist aber: Der Fachunterricht kommt zu kurz. Ein bisschen Mathe und Englisch unterrichtet sie zwar auch, aber da jüngere und ältere, schnelle und langsame Lerner zusammensitzen, ist das Niveau nicht besonders hoch. Wenn diese Kinder nach spätestens einem Jahr in die Regelklassen kommen, können sie oft nicht abschätzen, ob sie ihre Wissenslücken jemals auffüllen können. Manche gehen es gelassen an, andere verzweifeln.

Rosl, 10 Jahre, aus Syrien

Die zehnjährige Rosl aus Syrien © Jannis Chavakis für ZEIT ONLINE

Beim Sportfest der Schule pfeffert ein älterer Junge der zehnjährigen Rosl aus Damaskus einen Ball an den Kopf. Sie weint. Sie findet, viele Kinder in der Schule seien böse, wie dieser Junge, obwohl er sich schließlich entschuldigt. Neulich hätte auch einer mit einem Stock um sich geschlagen. Rosl fürchtet sich davor, nach den Sommerferien in eine Regelklasse zu wechseln. Gleichzeitig freut sie sich auf die Herausforderung: "Nur mit Frau Albrecht!", schränkt sie sofort ein. Albrecht wird sie aber nur noch täglich eine Doppelstunde in Deutsch unterrichten, nach dem Regelunterricht. 

Rosl ist seit September 2015 in der Schule, einen Monat zuvor war sie in Potsdam angekommen. Sie spricht schon ganz selbstverständlich Deutsch: Wenn sie etwas nicht versteht, ruft sie "Hä", wenn sie sich stößt "Aua". Und wenn Rosl und ihre Freundin Sahar sich um Kleber und Schere streiten, sagen sie einander: "Du bist eine kleine Ameise" oder "Du bist ein kleiner Frosch". Wenn es nicht zügig weitergeht oder wenn sie nicht drankommt, wird Rosl ungeduldig: "Kann ich bitteeee?"

Besonders gerne schreibt Rosl. Und auch besonders schön, findet Albrecht. Sie liest und schreibt auch gerne am Nachmittag. Trotzdem wirft sie verzweifelt den Kopf in die Hände, wenn ihr ein Wort nicht einfällt. Sie weint auch schnell, wenn sie etwas nicht sofort versteht. Ihre Lehrerin sagt, sie merke gar nicht, wie gut sie schon sei. Im Deutschen, aber auch sozial: hilfsbereit und engagiert. Kurz vor den Ferien wird sie eine Auszeichnung bekommen als eine der Besten der Klasse.

Rosl ist mit dem Flugzeug nach Deutschland gereist. Sie ist auch schnell aus dem Flüchtlingsheim in eine eigene Wohnung umgezogen, mit Mutter, Vater und zwei kleineren Schwestern. Sie lernt Gitarrespielen und vor der Schule parkt ihr rosa Fahrrad. Nur die Oma sei noch im Heim, leider. Aber immerhin sei sie endlich angekommen. Rosl hatte sie sehr vermisst. Die Wohnung ist aber viel zu klein, erzählt sie, denn bald kommt noch ein kleiner Bruder zur Welt. 

Waled, 12 Jahre, syrischer Kurde

Der zwölfjährige Waled aus Syrien © Jannis Chavakis für ZEIT ONLINE

"Kannst du Kurdisch?", fragt Waled. "Oder Arabisch? Und was ist mit Türkisch?" Er kann das nämlich alles. Und Deutsch natürlich. Waled stammt aus dem Norden Syriens. Er ist Kurde, durfte aber in der Schule nur Arabisch sprechen. Auf der Flucht lebte die Familie ein Jahr lang in der Türkei. Zur Schule ist er dort zwar nicht gegangen. Türkisch könne er trotzdem, sagt er, er habe es beim Spielen auf der Straße gelernt.

Waled ist zwölf, ein cooler Anführertyp mit charmanter Machoattitüde. Doch nachdem Albrecht neulich ein paar Tage krank war, hat er sie umarmt vor Freude, weil sie endlich wieder da war. Auch die anderen Kinder hier wollen unbedingt lernen. Schulfrei? Feiertage? Sommerferien? Die Aussicht finden sie nicht so toll.

Was Waled sonst noch gerne macht: Fußballspielen vor allem. Er fühlt sich wohl im Flüchtlingsheim in Schlaatz, gleich um die Ecke von der Schule. Er hat dort viele Freunde, mit denen er spielt. Das Heim war jedoch nicht immer ein friedlicher Ort, erzählt Albrecht. Noch vor ein paar Monaten war es zu voll, Menschen mit verschiedenen Nationalitäten gerieten aneinander. Einmal hätten die Sicherheitsleute die Lehrerin hinausgeworfen, weil sie nicht mehr für ihre Sicherheit garantieren konnten.

Waled ist gemeinsam mit seiner großen Familie nach Deutschland geflohen: Mutter, Vater, drei Brüder und zwei Schwestern. Sie leben alle miteinander im Flüchtlingsheim. Aber da sei noch mehr Familie: Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen in Berlin und Hamburg. Sein Onkel habe 20 Kinder, prahlt er. Wie das? Na, er hat ja auch drei Frauen.

Auf der Flucht waren sie in einem kleinen Boot, das plötzlich kein Benzin mehr hatte, erzählt er. Zum Glück war die Küste nah und sie sind heil an Land gezogen worden.

Auch Waled wird nach den Sommerferien in eine Regelklasse wechseln. Es fällt ihm leicht, zu lernen, er ist sehr aufmerksam und intelligent, sagt Albrecht. Aber Regeln einzuhalten, fällt ihm nicht so leicht. Es kann passieren, dass er mal einen Klassenkameraden tritt und dass er das Stopp der Lehrerin einfach übergeht. Seine Haltung sei: "Höher, schneller, weiter" und immerzu: "Warum nicht ich?"

Rubila, 10 Jahre, aus Afghanistan

Die zehnjährige Rubila aus Afghanistan © Jannis Chavakis für ZEIT ONLINE

Im Morgenkreis sitzt Rubila zwischen Sahar und Rosl. Während die beiden Freundinnen über ihr Wochenende mit Hüpfburg und Musik schwatzen und eigentlich gar nicht aufhören wollen zu reden, richtet Rubila ihren Blick nach innen, als wäre sie irgendwo anders, in ihrer eigenen Welt. Vor der ganzen Klasse zu reden, behagt ihr nicht. Fahrrad gefahren sei sie, rund ums Flüchtlingsheim, erzählt sie und mit einer Barbie-App habe sie auf dem Handy gespielt. "Ein Riesenfortschritt", sagt Albrecht. Vor drei Monaten, als sie in die Klasse kam, sei die zehnjährige Afghanin so schüchtern gewesen, dass sie den Mund gar nicht aufbekam.

Die Schüchternheit verfliegt jedoch, sobald Rubila Aufgaben lösen darf. Die Kinder schneiden Bilder von Lebensmitteln aus Werbeprospekten aus und kleben sie auf einen gemalten Korb, dann schreiben sie die Wörter dazu an den Rand. Ihre Klassenkameraden rufen in den Raum oder lenken sich damit ab, die Bildchen auszumalen. Rubila lässt sich nicht stören, arbeitet konzentriert und gewissenhaft. Ihr Korb ist bald der vollste von allen und sie kann die unterschiedlichen Waren alle benennen. Präsentieren will sie ihr Werk freiwillig zwar nicht. Als sie trotzdem drankommt, macht sie es aber perfekt: In meinem Korb sind zehn Würste, eine Ananas, eine Paprika, eine Blume, fünf Tomaten...

Besonders wohl fühlt sich Rubila beim Sport. Dort führt sie vor, wie lange sie einen Hula-Hoop-Reifen um die Hüften rasen lassen kann – eigentlich unendlich. Sie versteht die Regeln des Spiels sofort, das die Vertretungslehrerin erklärt, und meldet sich als Fängerin. Das zarte Mädchen spielt gerne Fußball und hat auch keine Angst vor den raubaukigen Jungs. Wenn sie jemand anrempelt, wehrt sie sich und macht einfach weiter. Albrecht prognostiziert: "Die macht ihren Weg."

Rubila lebt mit Mutter, Vater und einem dreijährigen Bruder, der in den Kindergarten geht, seit vier Monaten im Flüchtlingsheim in der Nähe des Potsdamer Bahnhofs. Gerade hat sie dort eine Geige gestellt bekommen, Klavier spielt sie sowieso schon. Welche Länder sie auf der Flucht gesehen hat? Daran erinnerst sie sich nicht, nur an ein Boot. Mehr sagt sie dazu nicht.

Mahmood, 13 Jahre, aus Afghanistan

Der 13-jährige Mahmood aus Afghanistan © Jannis Chavakis für ZEIT ONLINE

Mahmood hat im Nebensatz im Unterricht erwähnt, dass seine Familie im Iran beschossen wurde. Albrecht wusste bis dahin gar nicht, was die einzelnen Kinder auf der Flucht durchgemacht haben. Wie sie mit möglichen Traumata umgehen soll, hat sie nicht gelernt und deshalb die Flucht bislang kaum zum Thema gemacht. Inzwischen hängen neben Blumenbildern und hübschen Basteleien an den Wänden des Klassenzimmers Zeichnungen von kleinen Booten auf dunkelblauem Wasser oder einer idyllisch bergigen Heimat mit Fluss und Vögeln in Afghanistan. Mahmoods Bild zeigt den Fluchtweg von Afghanistan über den Iran und die Türkei – im Auto, zu Fuß, über das Wasser.

Mahmoods Zeichnung, links der Aufbruch aus Afghanistan, rechts sein Bild von Deutschland © Jannis Chavakis für ZEIT ONLINE

Deutschland hingegen besteht für den 13-jährigen Mahmood aus einem Fußballfeld und dicht aneinandergereihten Betten. Er lebt mit seiner Mutter und seinem Vater seit etwa acht Monaten im Flüchtlingsheim in Schlaatz, seit etwa drei Monaten ist er in der Klasse. Seine schon volljährige Schwester ist inzwischen in eine andere Unterkunft umgezogen. Die große Leidenschaft Mahmoods zeigt die Zeichnung auch: "Fußball – und sonst gar nichts", sagt er. Am schönsten ist die Schule für ihn, wenn der Sozialarbeiter einmal die Woche kommt und mit den Jungs Fußball spielt. Mädchen, findet er allerdings, sollten nicht mitspielen. Was er einmal werden will: Rennfahrer wäre gut.

Im Unterricht mischt er zwar gerne mit, aber das Lernen fällt ihm schwer. Er spricht noch undeutlich und deutsche Wörter zu schreiben gelingt ihm höchstens beim Abschreiben. Ansonsten nutzt er eine sogenannte Skelettschreibweise, das heißt, er lässt die Vokale weg. Albrecht hat einen Termin vereinbart mit dem Sozialarbeiter der Schule. Sie will herausfinden, ob sie für Mahmood eine Lernhilfe beantragen kann.

Mahmood kann ein toller Kumpel sein, der allen erzählt, dass der Neue, Arian aus dem Iran, am Wochenende Geburtstag hatte. Er ist aber auch einer, der schnell sauer wird und mit Schimpfwörtern um sich wirft. "Dann fliegen die Fetzen", sagt Yvonne Albrecht. Im Unterricht ruft er auch immer mal wieder dazwischen, dann wird er plötzlich ganz still und legt seinen Kopf auf den Tisch.


Ali, 10 Jahre, aus Syrien

Alis Augen blitzen, als hätte er ständig gute Ideen. Alles, was kreativ ist, macht er gerne, Theaterspielen etwa. Auf dem Tablet spielt er am liebsten Zombie, aber auch mit den Mädchen Barbie. Sein Hobby ist schwimmen und das ist zur Zeit auch sein Berufswunsch: Bademeister.

Der zehnjährige Ali, der gerade gerne im Deutschlandtrikot herumläuft, wird neben Rosl die zweite Auszeichnung bekommen. Denn auch er ist besonders gut in der Schule und hat extrem schnell Deutsch gelernt. Seit September ist er in der Klasse, nach den Ferien wird er in eine Regelklasse wechseln.

Manchmal hat Ali  irgendeinen Konflikt im Kopf, sagt Albrecht. Dann kommt sie ganz plötzlich nicht mehr an ihn heran, er wird bockig und verweigert alles. Die Familie ist auf der Flucht viel gelaufen. Nacht für Nacht, Stunden lang. Seine Mutter, seine ältere Schwester und er haben in Potsdam immerhin schnell eine eigene Wohnung bekommen.  Wo der Vater ist? Ali sagt, er weiß es nicht.

Mitarbeit: Luisa Jacobs

Mehr zu Flüchtlingskindern im Schulalltag lesen Sie in der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016.  Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.