Ach, das bayerische Niveau! Schon zu meiner Schulzeit – und die ist schon ein paar Jahre her – zeigten einige Lehrer in Nordrhein-Westfalen ehrfurchtsvoll in den Süden der Republik. Dort, an den bayerischen Gymnasien werde noch was geleistet! Da zähle das Abitur noch wirklich! Hochschulreife sei dort noch ein wertvolles Prädikat!

Etwas, das wir Schüler in NRW nie erreichen würden. Wie auch die Schüler in Bremen, in Berlin, in Niedersachsen, im Saarland dieses bayerische Niveau nicht erreichen würden. Merkwürdig fand ich damals, dass meist genau die Lehrer uns mit dem Fingerzeig nach Bayern zu größerer Leistungsbereitschaft anregen wollten, deren pädagogisches Geschick sich mit den Begriffen Druck, Strafen und Frontalunterricht recht umfassend beschreiben ließ.

Nun kommt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, wieder mit Bayern. Vermeintlich anspruchsvolle Bundesländer wie Bayern sollten Abiturzeugnisse vermeintlich anspruchsloser Bundesländer nicht mehr anerkennen, sagte er der Bild-Zeitung. Aus dem Abitur müsse wieder "ein Attest für Studienbefähigung und nicht für Studienberechtigung werden", sagte Kraus. Die "Inflation" bei den Schul- und Abiturnoten müsse ein Ende haben. Zeugnisse dürften "nicht zu ungedeckten Schecks werden".

Es wird nicht überraschen, dass der Herr Kraus aus Bayern kommt. Das innerdeutsche schulische Leistungsgefälle ist schon lange – den Deutschen Lehrerverband führt er seit 1987 – eines seiner Herzensthemen. Bereits im Juli 2002 beklagte er die Ungerechtigkeit, dass die Bayern offenbar in allen Schulbereichen mehr leisten als andere, aber trotzdem die niedrigste innerdeutsche Abiturientenquote haben. "Das bedeutet, dass Schüler in anderen Bundesländern für einen erheblich niedrigeren Leistungspreis schulische Abschlusszeugnisse und Studienberechtigungen ausgehändigt bekommen", teilte er damals mit.

Ein gewisser Lokalpatriotismus ist ja durchaus sympathisch. Und vielleicht wollte der Herr Kraus ja auch bloß eine Lanze für die bayerischen Landeskinder brechen, die mit ihrem gewiss hohen Wissensniveau und deshalb aber schlechterem Abi-Notenschnitt an den sehr beliebten Hochschulen in Berlin nicht landen können.

Aber ernsthaft: Was bezweckt Josef Kraus mit seinem Wiederaufguss der ungerechten innerdeutsche Notenverteilung? Ein Zurück in die Kleinstaaterei im Bildungsbereich ergibt keinen Sinn. Auch nicht aus bayerischer Sicht. Denn der Bedarf der dortigen Wirtschaft an Akademikern ist größer als dies von Bayern erfüllt werden könnte. 

Gesamtschule? Gottseibeiuns

Lenken wir also den Blick auf den Deutschen Lehrerverband. Der sieht den Bildungsstandort Deutschland – außer in Bayern und vielleicht Sachsen und Baden-Württemberg – schon seit Jahrzehnten vor die Hunde gehen. Schuld sind dabei immer die anderen: vor allem die Eltern, die ihre Kinder nicht richtig erziehen; und eine Bildungspolitik, die sich um größere soziale Durchlässigkeit und Inklusion bemüht. Gesamtschule? Gottseibeiuns. Abschaffung der Hauptschule? Ein Riesenfehler.

Und das nächste bildungspolitische Drama dräut schon, folgt man Josef Kraus. Die Digitalisierung des Klassenzimmers, für die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka fünf Milliarden Euro bereitstellen will, hält er für einen gefährlichen Irrweg der CDU-Politikerin, wie er vor wenigen Wochen mitteilen ließ.

Der Bayer Kraus sollte sich einmal beim nicht als Berlin-affin verdächtigen bayerischen Kultusministerium umsehen. Das teilte nach der Veröffentlichung der neuen Pisa-Ergebnisse mit, bei der Nutzung digitaler Medien im Unterricht gebe es Luft nach oben – ebenso bei der gezielten Förderung leistungsstarker Schüler und beim Abbau von Leistungsunterschieden zwischen Mädchen und Jungen. Bayern werde außerdem daran arbeiten, den Schulerfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln und Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders zu fördern.

So gesehen wäre die Forderung, in der Bildungspolitik bayerischer zu werden, doch vollkommen gerechtfertigt. Oder, Herr Kraus?