Mädchen und Jungen

Gerade unter den Mädchen ist dieser Befund besonders stark. Die Leistungsunterschiede zu den Jungen seien zwar vorhanden, aber gar nicht so bedeutend, sagt Schleicher. Ihre Einstellung unterscheide sich jedoch enorm. Zwar können sich fast überall auf der Welt Mädchen mehr für einen Job als Tierärztin oder Krankenpflegerin erwärmen als für Ingenieurs- oder IT-Berufe. Aber im Vergleich zum OECD-Durchschnitt sind die Ambitionen der deutschen Mädchen sogar im Gesundheitsbereich gering.

Informationstechnologie? Das interessiert kaum noch eine junge Frau. Offensichtlich, so mutmaßt Schleicher, trauen sich Mädchen in den Naturwissenschaften noch immer nicht genug zu – und alle anderen Beteiligten tun es auch nicht.

Chancengerechtigkeit

Ein besonders heikles Thema ist in Deutschlands Bildungslandschaft seit der ersten Pisa-Studie die mangelnde Chancengleichheit. Auch die aktuelle Pisa-Studie zeigt, dass es für sozial und ökonomisch benachteiligte Jugendliche und Migrantenkinder unterdurchschnittlich gerecht zugeht. Gerade in den Naturwissenschaften haben bessergestellte Schüler im Schnitt einen Leistungsvorsprung von einem Jahr. 

Gemessen wurde auch, wie viele der Kinder, die zu den 25 Prozent  mit dem ungünstigsten sozialen Hintergrund gehören, es trotzdem schaffen, zu den leistungsstärksten zu gehören. Resiliente Schüler werden sie genannt. Ihr Anteil ist seit 2006 deutlich gestiegen. Auch in der Lesekompetenz, der Schlüsselqualifikation für Bildung schlechthin, haben die Schwächsten besonders stark aufgeholt. Und immer mehr Arbeiterkinder schaffen es aufs Gymnasium. Es tut sich also sehr viel, auch wenn die Situation noch lange nicht befriedigend ist.

Warum stagnieren die Leistungen?

Es gibt zwei Schrauben, an denen man in deutschen Schulen noch drehen kann: Drill und Spaß. Interessanterweise hat die Studie nämlich ergeben, dass deutsche Schüler effizient lernen. Die Leistung ist überdurchschnittlich gut, aber der Einsatz unterdurchschnittlich hoch. Die deutschen Schüler verbringen nicht viel Zeit im Physik-, Chemie- oder Biologie-Unterricht und müssen auch zu Hause im Schnitt nicht so viel lernen wie andere. Mehr Arbeit könnte also theoretisch ein Hebel sein: Einige der asiatischen Länder erreichen schließlich viel auf diese Weise. Ob das nötig ist, bezweifelt Schleicher allerdings. Er sagt, Zeit sei nur einer von vielen Faktoren. Mehr Hausaufgaben korrelierten außerdem nicht zwangsweise mit besseren Leistungen. Und finnische Schüler zeigten noch weniger Einsatz als die deutschen und schnitten trotzdem besser ab.

In den ersten Jahren nach Pisa wurden sehr viele Reformen angestoßen wie etwa die Ganztagsschulen oder die Einführung der Bildungsstandards. Jetzt wird nur noch wenig verändert, also zeigen sich auch keine großen Fortschritte mehr. Will man weitere Sprünge, müsse es auch neue Reformen geben, meint Schleicher. Am besten für eine bessere Qualität des Unterrichts.

Motivation, das besagt die Studie auch, kann auf zwei Arten erzeugt werden. Extrinsisch, indem den Schülern klar wird, dass ihnen Kompetenzen in einem Fach Türen zu einem gut bezahltem Beruf öffnen und intrinsisch, indem es einfach interessant ist, sich damit zu beschäftigen und die Schüler sich zutrauen, selbst etwas bewirken zu können. Manchmal hängt beides zusammen: Die Pisa-Studie hat auch herausgefunden, dass vor allem die Jugendlichen sich eine naturwissenschaftliche Karriere vorstellen konnten, denen die Fächer Spaß machen. Es würde sich also lohnen, wenn Lehrer lernen, die Schüler mehr für ihre Fächer zu begeistern und einen Bezug zu interessanten Berufen herstellen können.