Kann die Schule präventiv gegen Populismus und Extremismus wirken? Was können Lehrer den "alternativen Fakten" eines Donald Trump entgegensetzen? Oder den Behauptungen von rechts, der Holocaust werde in der deutschen Geschichte überbewertet? Und wie zeigt man Schülern am besten, dass es in der Flüchtlingsfrage eben keine einfache Lösung gibt? Stichwort Obergrenze oder Einreiseverbot von Muslimen.

Ältere sind skeptisch, dass in der Schule eine politisch gebildete Generation heranwächst. "Nur rund zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland (64 Prozent) traut der heutigen Generation der Kinder und Jugendlichen zu, als Erwachsene Verantwortung für den Erhalt unserer Demokratie zu übernehmen", heißt es im Kinderreport 2017 des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Monika Oberle ist da optimistischer. Sie lehrt Didaktik der Politik an der Universität Göttingen und ist davon überzeugt, dass Politikunterricht nachhaltig wirken kann – wenn er denn genug Raum in der Schule bekommt und von Fachlehrern unterrichtet wird, die entsprechend ausgebildet sind. Was leider beides zu selten der Fall sei.

Oberle nennt als Beispiel ein Planspiel zur europäischen Asylpolitik, das die Organisation Plan Politik entwickelt hat. Dabei übernehmen die Jugendlichen unterschiedliche politische Positionen. Sie vertreten Fraktionen und Länder und arbeiten in Ausschüssen zur Außenpolitik, zu Menschenrechten und zu juristischen Fragen. Die Schüler müssen schließlich über Flüchtlingsquoten abstimmen, über sichere Drittstaaten und darüber, wie die finanziellen Lasten verteilt werden. Ein Einreiseverbot für Muslime oder Obergrenzen können auch zum Thema werden. Die Schüler lernen: Es kann extrem anstrengend sein, einen demokratischen Kompromiss zu finden – und es kommt dabei nicht immer der große Wurf heraus. Sie lernen auch, dass an den Menschenrechten in unserer Verfassung keiner so leicht vorbeikommt. 

Oberle und ihre Kollegen haben das EU-Planspiel evaluiert und festgestellt: "Die Schüler schärfen ihre Meinungen und Argumente und trauen sich anschließend eher zu, politisch selbst etwas bewirken zu können". Vor allem die, die den Politikern vorher gar nicht vertrauten, ändern ihre Haltung: Das "Die da oben machen sowieso, was sie wollen" weiche dem Verständnis: "Das sind ja auch nur Menschen."

Selbst erleben, wie Demokratie funktioniert

Schüler erkennen auch, dass sie das politische System durchaus infrage stellen können, ohne gleich das Vertrauen in die repräsentative Demokratie zu verlieren. In ihren Befragungen habe sich gezeigt, dass sogar kurze Projekte von drei Stunden noch Monate später nachwirken, sagt Oberle. Der Lerneffekt sei enorm, weil die Schüler selbst erleben, wie Demokratie funktioniert.

Auch Grundschüler können sich schon mit einem scheinbar spröden Thema wie der EU-Politik engagiert auseinandersetzen. Oberles Team hatte mit Viertklässlern eine EU-Ratsentscheidung simuliert und befürchtet, es würde sie überfordern. Die Neun- bis Zehnjährigen mussten unter anderem darüber abstimmen, ob der Benzinverbrauch von Autos reglementiert werden soll – sofort, in ein paar Jahren oder gar nicht. Auch über Sanktionen konnten sie entscheiden. Am Ende konnten die Schüler viel besser argumentieren, als die Lehrer es ihnen vorher zugetraut hätten, und fanden einen Kompromiss, sagt Oberle. Strafen gab es erst nach zehn Jahren, wenn sich die Hersteller auf die neue Regel einstellen konnten.

Politische Bildung - "Ich wollte schon immer Kinderrätin werden" In der Awo-Kinderbetreuung "Klein und Groß" regiert der Kinderrat mit. Hier entscheiden Kinder wie Lena nicht nur über ihre Spielzeit, sondern lernen auch beim Streitschlichten und der Ferienplanung Kompromisse zu finden. © Foto: Zeit Online

Politische Bildung hat Verfassungsrang

Doch die Realität an deutschen Schulen sieht leider anders aus: In der Grundschule findet politische Bildung nur sporadisch im Sachkundeunterricht statt. Dabei hat die Erziehung zur Demokratie einen luxuriösen Status in Deutschland. Mathematik könnten Kultusbeamte theoretisch aus dem Lehrplan streichen, politische Bildung nicht. Sie hat wegen der Erfahrungen der Nazidiktatur Verfassungsrang. Schulen haben in allen Bundesländern den offiziellen Auftrag, junge Menschen zu ermuntern, Verantwortung für Freiheit, Menschenrechte, Frieden und Demokratie zu übernehmen – und zwar in allen Fächern.

Der Politikunterricht gilt unter Bildungsexperten trotzdem als "randständig", wie der Politikwissenschaftler Joachim Detjen es formuliert. Das junge Fach heißt in jedem Bundesland und jeder Schulform anders: mal Sozial- oder Gemeinschaftskunde, mal Politische Bildung oder Politik/Gesellschaft/Wirtschaft oder auch mal Welt/Zeit/Gesellschaft. Es wird oft mit anderen Fächern kombiniert, muss sich also die ein bis zwei Wochenstunden mit dem Fach Wirtschaft, Geografie oder Geschichte teilen. Detjen nennt es "Beschwichtigung", wenn darauf verwiesen wird, dass politische Bildung doch fächerübergreifend unterrichtet würde und die Kinder ja auch bei der Schulsprecherwahl oder im Klassenrat demokratische Prozesse einübten. 

Auch Oberle sagt, eine demokratische Schulkultur sei wünschenswert, ersetze aber das Schulfach Politik nicht. Denn es gehe eben auch ums Hintergrundwissen über politische Institutionen und Praktiken, ohne das junge Menschen nicht gewappnet seien gegen Filterblasen, Populismus und Extremismus. Und nicht jeder Englischlehrer ist bereit, über Donald Trump und dessen alternative Fakten zu diskutieren.