Ulla Mank-Müller hat ihre Ordner und Bücher noch nicht aus ihrer vollgestopften Arbeitsecke im Schlafzimmer weggeräumt. Sie ist eine der 68er-Lehrerinnen, die inzwischen pensioniert sind. Eine kleine, schlanke Frau mit weitem Hemd und knallrot gefärbten, kurzen Haaren. Seit 30 Jahren lebt die heute 67-Jährige mit ihrem Mann in einer großen Berliner Altbauwohnung.

Sie zieht ein paar Heftchen aus dem Regal: Die Bottroper Protokolle, Angestellte erzählen, wie sie an ihrem Arbeitsplatz ausgebeutet werden. Im Deutschunterricht wollte sie die behandeln. Ein anderes Thema lautete: "Literatur als Spiegel bürgerlicher Emanzipation". So hatte sie sich das im Studium gedacht. Heute findet sie das selbst lustig: "Statt den Schülern Jugendbücher anzubieten, mit Themen, die sie persönlich bewegen, haben wir sie schrecklich gelangweilt."

Die 68er wollten die Gesellschaft verändern und wo war ein besserer Ort dafür als in der Schule? Mit dem Kapital von Marx, mit Summerhill School von A. S. Neill oder Materialien wie den Bottroper Protokollen hatten sie sich präpariert. Hart prallten ihre Ideen auf die Realität der Kinder und Jugendlichen. Doch Ideologie allein motivierte sie nicht. Die Generation von Mank-Müller hatte selbst oft zwanghafte, autoritäre Eltern und Lehrer erlebt. Sie wollten diese Welt hinter sich lassen. Mit diesem persönlichen Impuls haben die 68er die Schule wirklich zu einem besseren Ort gemacht. Lehrer, die ihre Macht mit Drohungen, Demütigungen und Spott ausüben, gibt es zwar noch heute, aber die Mehrheit der Eltern und Kollegen lehnen diese Methoden ab.

Ulla Mank mit 16 bei einer Taufe © privat

Wenn Mank-Müller Bilder aus dem Familienalbum zeigt, sieht man, wie rasant sich das Mädchen Ursula Mank in der Zeit um 1968 veränderte. 1966, mit 16, trug sie einen Betty-Barclay-Mantel und Pumps. Sie ging in die Kirche und war eine fleißige Schülerin. 1967, mit 17, kam sie vom Sprachkurs aus Swinging London im Minirock und mit offen fliegendem Haar wieder. Wie The Shrimp, das britische Model Jean Shrimpton, wollte sie aussehen. Aber nicht nur die damenhaften Kleider, Frisuren und Schuhe sollten verschwinden.

Im selben Jahr hatte sie ein Schlüsselerlebnis in einem christlichen Sommerlager. Ein Religionsphilosoph diskutierte mit den Jugendlichen über den Glauben. Und ließ sie wissen: Zweifel an Gott sind erlaubt. "Ich habe geweint vor Glück", erinnert sich Mank-Müller. Sie hatte bisher nicht erlebt, dass Erwachsene ihre Ideen und Gefühle ernst nahmen. Und sagt: "Mein Vater hätte mich für den Beelzebub persönlich gehalten, wenn ich ihm anvertraut hätte, dass ich nicht mehr an Gott glaube."

Ulla Mank mit 17 © privat

Im Republikanischen Club in ihrem Heimatort Herne diskutierten die Schüler über Konsumterror und die verkrustete, spießige Gesellschaft. Mank-Müller sah Rudi Dutschke im Fernsehen und war hingerissen von seinen Reden. Vieles von dem, was er sagte, blieb abstrakt. "Aber seine Augen blitzten", sagt sie "und wir verstanden, dass es darum ging, Autoritäten an den Universitäten zu entmachten." Ihre Noten in der Schule wurden schlechter. Sie schlich sich aus dem Haus, um Jungs zu treffen und tanzen zu gehen. Sie las Sartres Das Spiel ist aus und sah im Kino Easy Rider und Blow Up.

West-Berlin war ganz weit weg

Im Oktober 1968 zog sie nach West-Berlin. Es lagen nicht nur viele Kilometer zwischen Berlin und Herne. Die Stadt war auch deshalb so schön weit weg, weil ihre Eltern sich nicht trauten, die Transitstrecke durch die DDR zu fahren. Sie schrieb sich in Politikwissenschaften am linken Otto-Suhr-Institut der FU Berlin ein, wohnte, kochte und feierte im Studentenheim mit Iranern und Palästinensern. "Internationale Solidarität und Multikulti war für uns nicht abstrakt", sagt sie, "wir haben das gelebt."

Bald entschied sie, Lehrerin zu werden. "Ich wollte gesellschaftlich wirken", sagt sie. Und sie wollte an ihre späteren Schüler weitergeben, was sie selbst gerade erlebte: frei sein. Selbst entscheiden, was man lernen will. Festgefahrene Strukturen hinterfragen. Sie wählte Germanistik dazu, später Psychologie und Pädagogik.

Auch ihr politisches Engagement war geprägt von der Sehnsucht nach individueller Freiheit. "Ich wollte den Sozialismus, aber keine bessere DDR", sagt sie. Die sei ihr zu zwanghaft gewesen. Sie traf sich mit anderen Studenten zu den sogenannten Kapitalkreisen. Alle drei Bände des Kapitals von Karl Marx habe sie durchgelesen, sagt sie. "Diese Kreise haben eine große Rolle dabei gespielt, wie ich mir das Lernen vorgestellt habe. Jedes Mal haben wir gemeinsam entschieden, was wir lesen und welchen Aspekt wir diskutieren." So einen Unterricht wollte sie machen. Auch an der Uni lautete die neue Maxime: Lehrer sollten aktivieren, aber möglichst nicht disziplinieren. "Intrinsisch motiviert" sollten die Schüler lernen. Das passte zu ihrer Abneigung gegen alles Autoritäre. Sie sagt: "Ich wollte auf keinen Fall werden wie mein Vater, also autoritär."

Der, von Beruf Zugschaffner, hatte mal gesagt, Hitler habe nur drei Fehler gemacht: die Juden vergasen, mit Russland Krieg führen und die Kirche angreifen. Besonders Letzteres fand er als gläubiger Christ empörend. Die Prügelstrafe hingegen fand er normal. Dass es auch eine andere, professionelle Autorität geben könnte im Gegensatz zur demütigenden oder gar latent faschistischen, hat Mank-Müller erst viel später gelernt, als sie vor Schülern stand, die ganz und gar nicht intrinsisch motiviert waren.