Im Koalitionsvertrag der neu gewählten nordrhein-westfälischen Landesregierung bekunden CDU und FDP ihre Absicht, an allen weiterführenden Schulen ein eigenes Fach Wirtschaft etablieren zu wollen. Zur Begründung heißt es: "Wir wollen Schülerinnen und Schüler besser auf eine selbstbestimmte Lebensgestaltung und einen erfolgreichen Berufseinstieg vorbereiten." Damit plädieren sie für eine Aufspaltung der sozialwissenschaftlichen Fächer, die in den meisten Bundesländern gemeinsam unterrichtet werden.

Die Festlegung auf ein eigenständiges Unterrichtsfach Wirtschaft ist insofern erstaunlich, als sich die entsprechende Forderung weder im Wahlprogramm der CDU noch in dem der FDP fand. Allerdings hatte schon Baden-Württemberg im Schuljahr 2016/17 das Unterrichtsfach "Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung" eingeführt, obwohl auch dort CDU und Bündnis 90/Die Grünen im Koalitionsvertrag lediglich angekündigt hatten, dass "ein leistungsfähiges [...] Bildungssystem" eine "ausreichende Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte" hervorbringen solle.

Den Fachkräftemangel als Motiv für die Neueinführung des Fachs zu bemühen, ist hingegen wenig sachgerecht. Bräuchte es da nicht eher ein Fach Technik oder die Stärkung des Informatikunterrichts? Und warum setzen die Schul- und Kultusministerien nicht auf die Erörterung juristischer Fragen in einem Schulfach Recht? Wie steht es angesichts des Übergewichts vieler Kinder um ein Fach Gesundheit?

Politische Bildung stärken statt schwächen

Außerdem: Müsste nicht die politische Bildung gestärkt werden, um den erstarkenden rechtspopulistischen Kräften entgegenzuwirken und der großen Zahl der Geflüchteten wesentliche Aspekte der Staatsbürgerkunde zu vermitteln? Auch die nordrhein-westfälische CDU hatte in ihrem Regierungsprogramm noch formuliert: "Wir setzen uns dafür ein, dass in allen Schulformen verstärkt über unseren Staatsaufbau, die Grundwerte und Rechte in unserer Demokratie aufgeklärt wird. Demokratie braucht mündige Bürgerinnen und Bürger, die unsere Grundwerte leben."

Und die nordrhein-westfälische FDP versprach in ihrem Wahlprogramm sogar die Ausweitung des etablierten Fachs Sozialwissenschaften zu einem neuen Fach "Politik, Wirtschaft, Recht" in der gesamten Sekundarstufe I. Diesen Forderungen ist uneingeschränkt zuzustimmen – und dennoch wird ihnen nun in NRW nicht nachgekommen. Soll womöglich das baden-württembergische Modell Pate stehen, nach dem in den Jahrgangsstufen neun und zehn das auf politische Bildung zielende Fach Gemeinschaftskunde nur noch einstündig unterrichtet wird?  

Entkoppelung von Ökonomie und Gesellschaft

Tim Engartner ist Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. sowie Sprecher der Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft. Der Titel seines jüngsten Buchs lautet "Staat im Ausverkauf. Privatisierung in Deutschland".

Mit einem eigenständigen Fach Wirtschaft werden ökonomische Fragestellungen nicht nur von soziologischen und politischen Perspektiven entkoppelt. Zugleich werden historische, geografische, rechtliche und psychologische Aspekte ausgeblendet. Dies widerspricht der inter-, multi- und transdisziplinären Verankerung wirtschaftswissenschaftlicher Theorien, Paradigmen und Methoden, wie sie an prestigeträchtigen US-amerikanischen Ivy-League-Universitäten namens Columbia, Harvard und Princeton oder an den britischen Kaderschmieden Oxford und Cambridge gelehrt werden. Dort ist die wirtschaftswissenschaftliche Avantgarde beheimatet.

Zugleich widerspricht ein Fach Wirtschaft der Wahrnehmung der Lebensrealität. Diese nehmen wir nicht disziplinscharf wahr, sondern – und dafür braucht man kein radikaler Konstruktivist zu sein – im sozialen Kontext. Will man begreifen, welche Auswirkungen die Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise hat, welche Überlegungen hinter einem linear-progressiven Steuersystem stehen und warum eine Mehrwertsteuererhöhung insbesondere kinderreiche Familien und sozial Schwache trifft, dann muss man ökonomische Sachverhalte in einem sozialwissenschaftlichen Verbundfach erörtern, wie es derzeit (noch) in 14 von 16 Bundesländern üblich ist. Insofern steht die Einführung des Fachs Wirtschaft auch dem intensiv diskutierten bundesweiten Zentralabitur entgegen.

Lobbyisten können Einfluss auf den Unterricht nehmen

Überdies könnten mit einem Fach Wirtschaft Unternehmen Einfluss auf die zur Neutralität verpflichteten Schulen nehmen. Der baden-württembergische Bildungsplan für "Wirtschaft / Studien- und Berufsorientierung" unterstreicht diese Einschätzung, werden doch die "hilfreich[en] [...] Experten der [...] Wirtschaft"  im Rahmen der Berufsorientierung als außerschulische Partner benannt. Da es bislang kaum ausgebildete Lehrkräfte für das Fach Wirtschaft gibt, könnte Schulen gar nichts anderes übrig bleiben, als Unternehmensvertreter in den schulischen Regelbetrieb einzubinden. Schon jetzt setzen immer mehr Unternehmen, Wirtschaftsverbände, Industrie- und Handelskammern sowie arbeitgebernahe Stiftungen darauf, privatwirtschaftliche Vertreter in den Regelschulunterricht zu entsenden: Die Initiative My Finance Coach stützt sich dabei auf mehr als 60 Förderer, darunter der Versicherungskonzern Allianz, die Unternehmensberatung McKinsey und die WirtschaftsWoche.

Keine Frage: In einer ökonomisierten Welt müssen Schülerinnen und Schüler lernen, wie sie sich als Konsumenten, Kreditnehmer und Kapitalanleger behaupten können. Diese auf ökonomische Lebenstauglichkeit zielenden Rollen werden jedoch bereits in Fächern wie Sozialwissenschaften, Gemeinschaftskunde und Gesellschaftslehre abgedeckt. Dort werden sie – zugegebenermaßen nicht immer ausreichend – im Einklang mit den realen Lebensbedingungen multiperspektivisch, multiparadigmatisch und multidisziplinär bearbeitet. Aber um nicht in die Schuldenfalle zu tappen, ist Mathematik sehr viel wichtiger als jede Finanzkunde, die im Gewand des "Aktien- und Börsen-ABC", des "Renten-Einmaleins" oder der Schülerhandreichung "Kredite – Zins und Tilgung" daherkommt.

Die Materialien der vielfach privaten Anbieter verkennen ein Gesetz: Je konkreter das Wissen, desto schneller veraltet es. Dabei sollte Bildung in Zeiten hoch spezialisierter Jobs möglichst universell – und damit zeitlos sein. Dies hat der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe gerade unter dem Titel Goodbye, Humboldt?! ausgeführt, in dem er betont, dass "Bildung, im Gegensatz zu Ausbildung, bleibt". Weil Ausbildung im Sturm rasanter Veränderung verwehe, müsse diese auf einer Bildung aufsetzen, "die ein ganzes Leben währt und eine rundere Persönlichkeit hervorbringt". Und tatsächlich: Nur breite Bildung ermöglicht jungen Menschen die Navigation im von stetig neuen Informationen aufgepeitschten Meer des Wissens. Ökonomische Sachverhalte von der Lebenswirklichkeit abzutrennen, ist nicht sachgerecht, weil es an den gegenwärtigen Problemstellungen vorbeigeht.

Ebenso wie Wahlprogramme sind auch Koalitionsverträge nur Absichtserklärungen. Nicht nur die nordrhein-westfälische Landesregierung, sondern alle bildungspolitisch Verantwortlichen sollten an dem bundesweit etablierten Fach Sozialwissenschaften festhalten. Nur im interdisziplinären Kontext kann ökonomische Bildung befördert und ökonomistische Verbildung vermieden werden.