Dabei sollte niemand auf die Idee kommen, "Ausländer" seien Schuld an dem Leistungsabfall. Nicht weil das Argument politisch unkorrekt wäre, sondern weil es unsinnig ist. Denn mehr als 90 Prozent der Migrantenschüler sind ja Deutsche, sie haben vier Jahre die deutsche Schule besucht und die allermeisten die deutsche Kita. Die Kinder aus der großen Flüchtlingswelle von 2015 hat die IBQ-Studie übrigens nicht erfasst, weil sie zum Testzeitpunkt noch in den Willkommensklassen unterrichtet wurden.

Einige werden deshalb den Satz umdrehen: Das größte Problem der Migranten ist das deutsche Schulsystem. Doch auch dieses Pauschalurteil zeugt von Unkenntnis. Denn es unterschlägt, was in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten alles gelernt, angeschoben und erreicht wurde. Es gibt Sprachkurse in den Kitas und Förderstunden in der Grundschule. Freiwillige Lesepaten helfen im Unterricht, Halbtagsschulen wurden zu Ganztagsschulen. Die Kinder aus Einwandererfamilien – auch das zeigt der IQB-Bericht – fühlen sich wohl in ihrer Klasse, im Schnitt sogar wohler als Klassenkameraden mit deutschen Eltern. So steht zu vermuten, dass es ohne all diese Maßnahmen noch weit schlechter stünde etwa um die durchschnittlichen Lesekompetenzen.

Aber die einzelnen Bundesländer scheinen unterschiedlich gut mit den Herausforderungen umzugehen. Erneut verschlechtert haben sich Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Um das bevölkerungsreichste Bundesland muss man sich angesichts seiner nationalen Bedeutung Sorgen machen. Wirklich dramatisch ist die Situation jedoch in Bremen. Ein Großteil der Schüler erreicht hier nicht einmal die Minimalanforderungen: 25 Prozent im Lesen, 40 Prozent in der Rechtschreibung, 35 Prozent beim Rechnen.

Dramatisch in Bremen, vorbildlich in Hamburg

Die Bremer Schülerschaft ist besonders bunt: Kein anderes Bundesland hat mehr Einwandererkinder (52,5 Prozent), in keinem anderen Bundesland ist die Inklusionsquote (über 90 Prozent) so hoch. Das mag einiges erklären, doch nicht das: Grundschüler aus Bayern, deren Eltern beide im Ausland geboren sind, können besser lesen als Bremer Schüler, deren Eltern beide Biodeutsche sind. Wie kann das sein? Früher durften sich die Bremer Bildungspolitiker damit trösten, dass es den Berlinern genauso geht. Das stimmt nun nicht mehr. Berlin ist etwas besser geworden, Bremen weiter abgestürzt. Nun bildet die Hansestadt eine eigene Kategorie: Bildungsgeografisch dürfte das Land nun irgendwo zwischen der Türkei und Brasilien liegen.

Anders steht es um Hamburg, dem Bundesland, das neben Hessen und dem Saarland recht zufrieden sein darf. Schon beim Vergleich der Neuntklässler im vergangenen Jahr hatte sich Hamburg deutlich von den beiden anderen Schlusslichtern Bremen und Berlin abgesetzt und im Lesen einen guten Mittelfeldplatz erreicht. Der Trend bestätigt sich  jetzt bei den Grundschülern.

Kein anderes Bundesland verfolgt die Lernleistungen seiner Schüler so genau und individuell wie Hamburg, bei den Ausgaben für die Grundschulen steht Hamburg weit an der Spitze der Bundesländer. Und schon vor mehr als zehn Jahren hat die Hansestadt ein stimmiges Konzept zur Sprachförderung entwickelt. Konkret müssen die Schulen etwa nachweisen, dass sie die Mittel tatsächlich für zusätzlichen Deutschunterricht einsetzen und nicht für den Vertretungsunterricht in anderen Fächern.

"Hamburg verfügt heute über das fortschrittlichste System der Qualitätssicherung in Deutschland", sagt Anand Pant, Professor für Bildungsempirie an der Berliner Humboldt-Universität und Leiter der Deutschen Schulakademie.  Ähnlich formuliert es IQB-Chefin Petra Stanat: "Hamburg ist ein gutes Beispiel dafür, was man mit einem kontinuierlichen Qualitätsmanagement, das den Unterricht ins Zentrum stellt, erreichen kann."

Doch auch für Hamburg gilt: Es reicht noch lange nicht. Auch hier scheitern mehr als 20 Prozent der Viertklässler an den einfachsten mathematischen Aufgaben. Diese Risikoschüler – die meistens von ihnen haben eine Migrationsgeschichte – gehen mit einem hohen Handicap in die weiterführende Schule und werden es am Ende schwer haben, einen Schulabschluss zu schaffen.

Kinder aus bildungsschwachen Familien, die kein Deutsch sprechen: Sie sind und bleiben die größte Herausforderung für Deutschlands Schulen. Auf sie sollten sich die Kultusminister wieder stärker konzentrieren. Alle Diskussionen um dreckige Schulklos oder die Aufregung um G8 und G9  sind dagegen Petitessen.