Ich liebe meinen Job, sagt Ulrike Nötel-Duwe. Fast, als müsste sie sich rechtfertigen für all die Überstunden, die sie spät in der Nacht und am Wochenende macht. Seit 22 Jahren ist die Mittsechzigerin schon Schulleiterin an der Henning-von-Tresckow-Grundschule in Hannover. Sie hat die Schule mit Kollegen aufgebaut und danach die Leitung übernommen. Eigentlich wollte sie damals nur sicherstellen, dass ihre pädagogischen Visionen einer weltoffenen Schule auch umgesetzt werden. Bis heute opfert sie jede freie Minute für "ihre" Schule, die inzwischen eine Unesco-Modellschule ist und sich genauso um technische Bildung kümmert wie um ausreichend Bewegung und gesunde Ernährung für die Schüler.

"Zum Glück ist mein Mann selbst pensionierter Lehrer und hält mir den Rücken frei. Manchmal übernimmt er sogar Aufgaben, die sonst liegen bleiben würden", sagt Nötel-Duwe. Sie hat außerdem eine fähige Stellvertreterin, aber trotzdem oft eine 60-Stunden-Woche.

Immer weniger Grundschullehrer sind bereit, sich derart aufzuopfern. Die Folge: Viele deutsche Grundschulen müssen ohne Rektor klarkommen. Allein in Nordrhein-Westfalen fehlen laut Verband Bildung und Erziehung (VBE) in 390 von 2.700 Grundschulen die Schulleiter, in Niedersachsen, wo Nötel-Duwe arbeitet, müssen 179 Schulen ohne Rektor auskommen. Bundesweit sind es etwa 1.000. Die offenen Rektorenposten werden kommissarisch besetzt – oft für mehrere Jahre.

Schulleiter als Einzelkämpfer

Der Mangel verwundert Nötel-Duwe nicht: "Die Zahl der Aufgaben und der Wust an Bürokratie haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Wir sind längst mehr Manager als Pädagogen. Ohne viel Idealismus und ein verständnisvolles Umfeld kann man eine Grundschule kaum leiten." Aktuell kümmert sich die Schulleiterin etwa um kostenloses Obst für alle Klassen, schreibt Gutachten über den Lernstand jedes einzelnen Schülers und organisiert die Sprachförderung für Flüchtlingskinder. Sie ist verantwortlich dafür, dass die Cafeteria die Hygienevorschriften einhält und dass die Erzieher in der Nachmittagsbetreuung Arbeitsverträge bekommen. Gleichzeitig muss das Schulbudget verwaltet werden. Um Inklusion und Ganztagsschulbetreuung muss sie sich auch kümmern. Schließlich steht sie zwölf Stunden pro Woche im Klassenzimmer und unterrichtet Deutsch und Religion.

Es liegt an der Struktur deutscher Grundschulen, dass sich so viele Aufgaben beim Schulleiter anhäufen. "Anders als an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule gibt es keine breite Führungsebene aus Fachleitern und Koordinatoren, die Aufgaben übernehmen und die Schulleitung tatkräftig unterstützen", erklärt Herbert Asselmeyer, Professor für Organisationspädagogik an der Uni Hildesheim. Einer Grundschule steht erst ab 180 Schülern ein Konrektor zu, der sich stundenweise um die Unterrichtsverteilung oder den Vertretungsplan kümmert. Auch eine Sekretärin oder ein eigener Hausmeister sind keine Selbstverständlichkeit. Aber eine mittlere Führungsebene sei auch deshalb wichtig, um junge Kollegen an Leitungsaufgaben heranzuführen und zukünftige Schulleiter zu finden, sagt Asselmeyer

Er warnt vor den Folgen: "Viele Schulleiter haben gerade genug Zeit, um die alltäglichen Aufgaben und Probleme abzuarbeiten, können sich aber nicht mehr um die Weiterentwicklung ihrer Schule kümmern." Im schlimmsten Fall werden ausgerechnet pädagogische Konzepte nicht ausgearbeitet, etwa solche die die Inklusion behinderter Kinder sichern oder die Ganztagsbetreuung verbessern sollen.