Gut in Teamarbeit

In der Pisa-Studie von 2015 wurden 15-jährige Schüler zum ersten Mal darin getestet, wie gut sie Probleme im Team lösen können. Die Auswertung liegt nun vor. Im Verhältnis zu den Leistungen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften liegt Japan im Ranking vorne, während China weit hinten landet, obwohl die chinesischen Schüler sonst sehr leistungsstark sind. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist also: Wer fachlich viel weiß, wird nicht automatisch zum guten Teamarbeiter. Zusammenzuarbeiten muss man üben.

Die deutschen 15-Jährigen haben im Vergleich zu den anderen OECD-Ländern gut abgeschnitten, zwar mit großem Abstand hinter Japan, aber deutlich besser als der Durchschnitt. Sie sind in der Teamarbeit auch besser als in den getesteten Schulfächern. Häufiger als der OECD-Durchschnitt sagen die deutschen Schüler, dass sie Spaß an Gruppenarbeiten hätten, im Team effizienter würden und bessere Lösungen fänden.

Schaut man jedoch genauer hin, sind auch die deutschen Ergebnisse nicht grandios. Offensichtlich sind weltweit die Schüler in Teamarbeit nicht besonders geübt. Jedenfalls können nur etwa 12 Prozent der deutschen Jugendlichen gut mit anderen zusammenarbeiten, wenn die Probleme komplex werden. Sie gehören damit aber schon in die Spitzengruppe. Auch in Singapur mit dem absolut besten Ergebnis schaffen das nur etwa 20 Prozent der Schüler.

Chatten mit virtuellen Teammitgliedern

Immerhin 21 Prozent der deutschen Jugendlichen landen in der Gruppe der Schüler, die schon an den einfachen Aufgaben scheitern. Das liegt zwar im Durchschnitt der OECD, ist aber doppelt so hoch wie in Japan.

Der Pisa-Studien-Koordinator Andreas Schleicher erklärt, dass bei den anspruchsvollen Aufgaben jeder Schüler über verschiedene Stufen mit einem virtuellen Team im Chat zusammenarbeiten musste. Die Jugendlichen besprechen, welche Strategie sie verfolgen wollen, welche Informationen sie von wem brauchen. Wie verteilen wir die Aufgaben? Sie müssen rechtzeitig wahrnehmen, wenn einer seinen Plan nicht einhalten kann oder Missverständnisse auftreten. 

Die einfachen Aufgaben waren hingegen nur einstufig. Die Schüler konnten das Meiste allein lösen, mussten sich aber einzelne Informationen von anderen beschaffen. Allerdings waren die Bedingungen künstlich, denn die anderen Teammitglieder im Chat sind Avatare, damit die Ergebnisse vergleichbar sind.

Sozialkompetenzen sind laut der Studie nicht so stark von Wohlstand und Bildung der Eltern abhängig wie die Leistungen in den Schulfächern. Jugendliche aus Einwandererfamilien erreichen trotzdem im Mittel knapp 50 Punkte weniger als die aus deutschen Familien, das ist mehr als im OECD-Durchschnitt, aber der Unterschied ist deutlich geringer als in den Naturwissenschaften (61 Punkte).

Mit Lehrern gemeinsam kochen

Pisa-Koordinator Schleicher sagt, es habe sich trotzdem herausgestellt, dass Vielfalt im Klassenzimmer die sozialen Kompetenzen eher fördert. Die Einstellungen zu Gruppenarbeit seien umso positiver, desto heterogener die Klasse sei. Die Schüler können auch zum Beispiel besser zuhören und die Leistungen anderer wertschätzen.

Der Erfolg der japanischen Jugendlichen lässt sich damit nicht erklären, denn die Gesellschaft ist dort noch sehr homogen. Allerdings wird in japanischen Schulen traditionell viel im Team gearbeitet. Nicht nur im Unterricht: Die Schüler würden mit dem Lehrer nach der Schule den Klassenraum sauber machen und mittags gemeinsam kochen, erzählt Schleicher. Deshalb sei das Ergebnis nicht verwunderlich.

Als 2012 in der Pisa-Studie zum ersten Mal getestet wurde, wie gut die Schüler individuell Probleme lösen, lagen die Jungen vor den Mädchen. Teamarbeit liegt jedoch weltweit den Jungen deutlich weniger als den Mädchen. Die Schülerinnen in Deutschland erreichen 30 Punkte mehr als die Jungen (das ist ein Schuljahr Unterschied). Mädchen sind nicht nur kompetenter, sie halten die Beziehungen zu anderen auch für viel wichtiger als die Jungen. Sie hören gerne anderen zu, sie freuen sich über den Erfolg von Klassenkameraden und interessieren sich dafür, verschiedene Perspektiven kennenzulernen.

Mehr Sport, mehr Experimente

Immerhin gut die Hälfte der deutschen Lehrer gab in der Studie an, mindestens einmal in der Woche Gruppenarbeiten in den Unterricht einzubauen – damit liegen die deutschen Schulen auch über dem internationalen Durchschnitt. Die Koordinatorin des deutschen Teils der PISA-Studie Kristina Reiss sagt, Schulen sollten trotzdem "ein stärkeres Augenmerk auf das Fünftel der Schülerinnen und Schüler legen, das es kaum schafft, komplexe Probleme zusammen mit anderen zu lösen." Denn nach der Schule komme man ohne soziale Kompetenzen nicht mehr aus. Viele Aufgaben seien einfach nicht mehr alleine zu bewältigen, schon allein weil es oft keine Routinen mehr gebe.

Zum Beispiel durch mehr Sport. Schleicher sagt, dort wo Schüler viel Sport trieben, hätten sie häufiger auch eine positive Einstellung zur Teamarbeit. Andere wahrzunehmen und zuzuhören könne man jedoch in allen Fächern üben. Es lohnt sich sicher, Japan zum Vorbild zu nehmen und im Klassenzimmer noch mehr Raum fürs Experimentieren, für Gruppenarbeit zu schaffen und die Schüler zu ermutigen, Ideen zu artikulieren und mit anderen zu besprechen. Das gelingt verständlicherweise besser in einer positiven Schulkultur, dort wo Schüler in der Gruppenarbeit keine Angst haben müssen, von anderen Schülern gemobbt oder von Lehrer herabgewürdigt zu werden. Auch das hat die Studie gezeigt.

Auch das Verhalten der Eltern habe laut Schleicher einen großen Einfluss auf die sozialen Kompetenzen ihrer Kinder.  Schüler schnitten besser ab, wenn die Eltern mit den Lehrern Kontakt hielten und mit ihren Kindern über die Schule redeten. Offensichtlich sei in Sachen Teamfähigkeit das Interesse der Eltern wichtiger als ihr Schulabschluss.