ZEIT ONLINE: Herr Fereidooni, was halten Sie von einem Antisemitismusbeauftragten, über den der Bundestag heute debattiert?

Karim Fereidooni: Antisemitismus ist ein Querschnittsthema, das jeder Politiker berücksichtigen sollte, wenn er Gesetzesvorlagen entwirft. Wir haben außerdem bereits eine Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die eine gute Arbeit macht.

ZEIT ONLINE: Sollten aber alle Schüler ein KZ besuchen müssen, um über Antisemitismus nachzudenken? Die Berliner Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli (SPD), forderte es neulich, vor allem weil muslimische Einwanderer und deren Kinder und Enkel mit antisemitischen Sprüchen und Taten auffallen.

Fereidooni: Den Vorschlag finde ich grundsätzlich richtig, allerdings für alle Jugendlichen. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind nämlich in erster Linie deutsche Jugendliche. Sie sind in der dritten Generation in Deutschland und lernen den Antisemitismus im Alltag hier kennen. Zudem wissen wir noch gar nicht, ob diese Einstellungen unter arabischstämmigen Jugendlichen verbreiteter sind als unter deutschstämmigen. Vielleicht werden sie nur offener artikuliert, vielleicht fragen wir in Berlin-Neukölln nur häufiger nach als in Dresden-Nord. Wir planen eine Studie dazu und werden mit Schülern und Eltern sprechen.

Der Antisemitismus beruft sich überall auf die gleichen Stereotype

ZEIT ONLINE: Müssen aber arabischstämmige Jugendliche für einen KZ-Besuch anders vorbereitet werden als die mit deutschen Vorfahren? Weil sie sich auf andere Erfahrungen der Familie berufen, also auf den Nahost-Konflikt statt auf die NS-Vergangenheit? 

Fereidooni: Nein, denn das Grundgerüst, das eine antisemitische Einstellung trägt, ist überall dasselbe – Juden werden in Verschwörungstheorien als besonders intelligente Strippenzieher dargestellt. Das ist ein jahrhundertealtes Stereotyp. Für den Unterricht sollten wir besser eine gemeinsame deutsche Erzählung finden, in der sich alle Jugendlichen wiederfinden – und auf dieser Basis über Antisemitismus und Rassismus reden. 

ZEIT ONLINE: Wie kann das gehen? 

Fereidooni: Wir müssen Deutschland endlich wirklich als Einwanderungsland sehen und anerkennen, dass alle hier lebenden Jugendlichen Deutsche sind. Sie alle sollten sich für die deutsche Geschichte mitverantwortlich fühlen, selbst wenn der Uropa nicht bei der Wehrmacht oder SS war, sondern in der Türkei oder im Irak lebte.  Die deutschstämmigen Jugendlichen haben heute auch keine so enge Verbindung zu den Tätern der NS-Zeit. Vor einem KZ-Besuch soll man  außerdem thematisieren, welche Rassismuserfahrungen Jugendliche selbst machen. Auch wenn klar zwischen dem Staatsrassismus des NS-Regimes und dem Alltagsrassismus heute unterschieden werden muss. 

ZEIT ONLINE: Sie haben sich auch damit beschäftigt, wie man in Integrationsbroschüren Flüchtlingen die Demokratie am besten nahebringt ... 

Fereidooni: Es kommt uns darauf an, die deutsche Migrationsgesellschaft positiv zu besetzen. Zu zeigen, dass alle gleichberechtigt zusammen leben können. Es reicht nicht, den Menschen das Grundgesetz in die Hand zu drücken. In den Integrationsbroschüren steht aber nur: Hier sind Männer und Frauen gleichberechtigt. Du musst dich anpassen. Das ist sehr bevormundend. 

Wenn wir aber erzählen, wie mühsam der Weg zum Grundgesetz in seiner heutigen Form war, dass in der Bundesrepublik Frauen lange noch ihre Männer fragen mussten, ob sie arbeiten dürfen und dass wir heute in der #MeToo-Debatte immer noch über Sexismus reden müssen, dann können wir ihnen sagen: Wir sind sehr weit gekommen im Gegensatz zu anderen Staaten, aber wir müssen uns weiter bemühen. Wir fordern dich auf, dabei zu sein. 

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