Gewalt und Gefühlskälte in der Grundschule – Seite 1

Kinder wuseln über den Schulhof, rennen durcheinander, fahren mit gelben Rollern über den Hof, lachen, schreien, kreischen. Es ist große Pause, eine Lehrerin hat die Aufsicht, von der Mitte des Hofes aus behält sie alles im Blick. An den Fensterscheiben der Klassenzimmer sind ausgeschnittene Papierschneemänner und Sterne festgeklebt. In der Grundschule Aue-Fallstein in Hessen hängt noch die Winterdekoration, außerdem sind Teile des großen Schriftzugs an der Fassade abgestürzt. Aber die Schulleitung hat wirklich gerade drängendere Probleme. Zwischen Eltern, Lehrern und Schülern ist ein Konflikt eskaliert, von dem keiner so recht weiß, wie er wieder in den Griff zu kriegen ist.

Das Dorf Hessen liegt am nordwestlichen Rand von Sachsen-Anhalt, seit acht Jahren ist es ein Ortsteil der Stadt Osterwieck. 1.100 Menschen, alte Fachwerkhäuser und schmale Sträßchen. Es ist kein Problemdorf, denn es gibt Arbeit in den umliegenden größeren Städten des Harzes. Aber Hessen hat jetzt eine Problemschule.

Anfang Februar haben acht Lehrkräfte der Schule einen Brief an alle Eltern geschrieben,  zweieinhalb eng bedruckte Seiten. Von "permanenten Störungen und Schlägereien" ist darin die Rede, vom "Nichteinhalten bekannter Verhaltensregeln" und "Nichterscheinen zum Unterricht". Und von "extremer körperlicher Gewalt", bei vielen Kindern sei "eine bereits entwickelte Gefühlskälte gegenüber Mitschülern zu erkennen". Die Lehrerinnen haben in dem Schreiben Gegenmaßnahmen angekündigt: Künftig werde der "betreffende Schüler sofort aus dem Unterricht oder der Pause entfernt", Kinder sollten Schulausschluss von bis zu fünf Tagen bekommen, die Polizei werde alarmiert.

Die Eltern sollten unterschreiben, dass sie den Brief gelesen hätten und den unterschriebenen Zettel dem Kind mitgeben. "Wir bitten Sie, dieses Schreiben sehr ernst zu nehmen, da die Lage an der Schule derzeit sehr ernst ist", so haben es die Lehrer formuliert. Es geht um eine Grundschule, an der rund 160 Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse lernen. Doch Aue-Fallstein klingt plötzlich wie die Rütli-Schule, eine Hauptschule in Berlin-Neukölln, die bundesweit Schlagzeilen machte, weil ihr Kollegium 2006 aufzugeben drohte – die Gewalt in der Schule sei nicht zu bändigen.

Als der Unterricht an diesem Februartag zu Ende ist, stehen die Mütter draußen vor dem Schultor, um ihre Kinder abzuholen. Den Brief fand sie gut, sagt eine von ihnen, Nina Gruber*. "Sehen Sie die Eisenstange auf dem Hof? Das waren mal zwei. Dazwischen hing ein Volleyballnetz." Schüler hätten die Stange herausgehoben und damit auf einen anderen eingeprügelt, berichtet sie. "Der kam mit Platzwunde ins Krankenhaus." Eine andere Mutter hat gesehen, wie Kinder um einen Jungen herumstanden, der am Boden lag, und ihn noch in den Rücken getreten haben. Die Zustände seien wirklich schlimm an der Schule, sagt Nina Gruber. "Nur die Medienaktion, die ist daneben." Jetzt sei der Ruf der Schule und des ganzen Dorfes kaputt.

"Die Kinder müssen fliegen, dann ist Ruhe"

Dass es nun am Beispiel von Aue-Fallstein wieder um die großen Fragen einer verfehlten Bildungspolitik geht wie schon bei der Rütli-Schule, liegt daran, dass der Brief der Lehrer nicht nur die Eltern erreicht hat. Mandy Bähsel, die Elternvertreterin, hat ihn weitergeleitet an die Volksstimme, die lokale Tageszeitung. "Ich war so schockiert. Ich wollte, dass endlich was passiert", sagt sie. In der Volksstimme erscheint daraufhin ein Artikel mit der Überschrift "Lehrer kapitulieren vor Grundschülern". Kurz darauf stehen der MDR und RTL mit Fernsehkameras vor dem zitronengelben Schulgebäude, rufen Dutzende Journalistinnen großer Zeitungen im Sekretariat der Schule an und bekommen alle die gleiche Antwort: Schulleitung und Kollegium wollen sich nicht äußern. Mandy Bähsel gibt ein Fernsehinterview, merkt dann, was sie ins Rollen gebracht hat und zieht sich zurück. "Ich habe wohl einen Nerv getroffen", sagt sie und kündigt an, vorerst nicht mehr ans Telefon zu gehen. 

Der Nerv, den sie getroffen hat, ist das Gefühl, dass an deutschen Schulen seit einiger Zeit einiges falsch läuft. Die Medien sind voller Nachrichten von Lehrermangel, überforderten Quereinsteigern, Schülern mit Kenntnislücken und Gewalt an Schulen. In Hessen, sagt eine Mutter, die vor dem Schulhof auf ihren Sohn wartet, haben die Lehrer jetzt eben was gesagt. An anderen Orten schauten sie weg. 

Aue-Fallstein sei kein "Fall", sagt die Sprecherin des Landesschulamts Sachsen-Anhalt, Silke Stadör. Außerdem sei das Amt schon seit einigen Monaten mit der Schulleiterin im Gespräch. Es hätte Fortbildungen für die Lehrer gegeben. Die Schule sei eine normale Schule mit überschaubaren Verhaltensauffälligkeiten. Kommende Woche gibt es ein Treffen mit speziell geschulten Pädagogen aus der Schule in Wasserleben, einer Förderschule für Schüler mit "emotionalen und sozialen Störungen", wie Stadör es ausdrückt.

Denn es geht ja nicht um die Gesamtheit der Schüler. Sondern um "vielleicht zwei Handvoll Kinder", wie die wartenden Mütter draußen schätzen. Eigentlich geht es nicht mal um sie. Sondern um die Eltern dieser schwierigen Kinder. Die seien das Problem. Wie man es lösen könnte? "Na, die Kinder müssen von der Schule fliegen, dann ist wieder Ruhe", sagt Marina Firme*. Derweil fährt ein roter Kleinwagen vor, viel zu schnell und mit lauter Musik. Der, sagen die Mütter, sei auch so einer. So ein Vater, dessen Kinder Ärger machten. Der Vater ist ein Mann in Arbeitshosen, er steigt aus dem Wagen, raucht eine Zigarette, lädt seine Jungs ein und fährt wieder weg.

Melanie Bürgers* Sohn ist eines dieser Problemkinder, das nach Meinung vieler anderer Eltern am besten sofort von der Schule fliegen sollte. Die Familie wohnt nicht weit von der Grundschule entfernt, die Klingel ist kaputt, man muss an der Tür klopfen. Melanie Bürger öffnet, ein Handtuch um die frisch gewaschenen Haare gewickelt, und wird sofort wütend. Der Brief und diese ganze Medienaktion, das sei alles eine Riesensauerei. Sie hat nicht unterschrieben. "Das werde ich auch nicht tun." Auf dem Boden stehen zwei Schulranzen, ein rosafarbener und ein blauer, zwei ihrer Kinder gehen auf die Aue-Fallstein-Grundschule.

Wegen des Sohnes wird Melanie Bürger regelmäßig angerufen: Meistens soll sie Marvin* abholen, weil er wieder im Unterricht ausgerastet ist. Er komme nicht gut mit, sagt seine Mutter. Sie ist sich sicher, dass er eine Lese- und Rechtschreibschwäche hat. Aber die Lehrer sähen das anders. Sie erklärt sich die Ausraster ihres Sohnes damit, dass er frustriert ist, wenn er die Aufgaben nicht lösen kann. Das mache ihn wütend. Aber was heißt ausrasten? Reißt ein frustriertes Kind eine Eisenstange aus dem Boden und prügelt auf Mitschüler ein? Das, sagt Melanie Bürger, habe Marvin nie gemacht. "Aber er hat schon gegen eine Mülltonne getreten."

"Die Lehrer rauchen, während Kinder sich prügeln"

Die anderen Eltern sagen, Kinder wie Marvin Bürger gehörten nach Wasserleben, in die Förderschule. Das Schulamt erklärt, das Konzept der Inklusion lasse allen Eltern die Wahlfreiheit, ob ihre Kinder in die normale oder in die Förderschule gehen sollen. Melanie Bürger sagt, dass sie doch eigentlich nichts lieber möchte, als dass Marvin nach Wasserleben auf die Schule kommt. Aber dafür brauche er eine ärztliche Diagnose. Beim Facharzt bekommt sie keinen Termin. Und während sie Angst hat, dass ihr Sohn, der schon eine Klasse wiederholen musste, noch ein Jahr verliert, rufen die Lehrerinnen ständig bei ihr an und sagen, er müsse auch heute wieder vom Unterricht abgeholt werden. Marvin drückt sich schüchtern vorbei, als sie das erzählt. Sieht so ein Rowdy aus?

Früher, da hätte es das nicht gegeben. Die Kinder hätten heute keinen Respekt mehr. Das ist der Tenor vieler Kommentare auf Facebook zum Artikel der Volksstimme über die "Kapitulation" der Lehrer. Eine Frau schreibt "Da haben wir das Produkt der antiautoritären Erziehung" darunter und bekommt 150 Likes. Kinder bräuchten Regeln und Grenzen, heißt es – so einfach kann man sich einig werden. Nur, wer stellt sie auf? Die Lehrer sehen die Eltern in der Verantwortung, die Eltern sehen die Lehrer in der Verantwortung. Und dazwischen stehen die Kinder.

"An der Schule brennt die Luft"

Ihrer Tochter komme keiner krumm, sagt Sabrina Lagemann*: "Die wissen, dass ich dann Stress mache." Sie wohnt in einem der alten Fachwerkhäuschen in Hessen, kümmert sich um Haus und Kinder, ihr Mann arbeitet. Von seinem Gehalt können sie leben, einmal im Monat gehen sie essen, zweimal im Jahr fahren sie in den Urlaub, darauf sparen sie. Sie raucht eine Zigarette, die kleinste ihrer drei Töchter geht in die vierte Klasse der Grundschule. Der Umgang sei schon teilweise rau, aber die Lehrer machten eigentlich einen guten Job, findet sie. Ein Vater, mit dem sie sich über WhatsApp austauscht, ist da ganz anderer Meinung: In Aue-Fallstein brenne die Luft, die Lehrer seien völlig überfordert. "Und wenn sie rauchen und Musik hören, während Kinder sich prügeln, braucht sich keiner wundern", schreibt er.

Schulranzen von Ina, der Tochter von Melanie, in ihrer Wohnung.

Das Schulamt plant jetzt für Hessen eine systemische Analyse. Alle Faktoren des Systems, also Eltern, Lehrer und Schüler sollen betrachtet werden. Die Beteiligten sollen Impulse bekommen, um selbst Lösungen zu finden. Wie auch immer die dann aussehen können.

Melanie Bürgers Tochter Ina kommt nach Hause, ein Mädchen mit rosa Trainingsjacke, sie kuschelt sich an ihre Mutter, erzählt ausführlich, dass sie im Hof Marshmallows gegrillt habe. Auf die Frage, ob sie gern zur Schule gehe, antwortet sie mit einem Wort: Nein. So einfach ist keine der anderen Fragen zu beantworten.

*Die Namen wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert.