ZEIT ONLINE: Herr Rörig, sind Kinder an Schulen heute sicherer als vor acht Jahren?

Johannes-Wilhelm Rörig: Seit der erste große Missbrauchsskandal an Schulen das Land erschüttert hat, ist der Wunsch gewachsen, Schülerinnen und Schüler vor sexueller Gewalt zu schützen. Das schlägt sich bisher aber zu wenig in Präventionsmaßnahmen nieder. Viele Schulen sind leider noch immer kein Schutzraum für Kinder und Jugendliche, die Hilfe suchen.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Rörig: Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat 2010 und 2013 sehr gute Handlungsempfehlungen geschrieben, wie Kinderschutz an Schulen umgesetzt werden sollte. Wir haben 2016 einen Vorschlag entwickelt, wie Schutzkonzepte an Schulen etabliert werden können. Was noch immer fehlt, ist ein verbindlicher Umsetzungsplan.

ZEIT ONLINE: Das heißt, alle reden darüber, aber kein Bundesland schützt Kinder wirklich?

Rörig: Zumindest gibt es keine gesetzlichen Grundlagen, die die Länder verpflichten, die Maßnahmen flächendeckend umzusetzen.

Johannes-Wilhelm Rörig ist seit Dezember 2011 Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Im Auftrag der Bundesregierung soll er die Aufarbeitung von Kindesmissbrauchsfällen und die Präventionsarbeit dagegen unterstützen. © Robert Schlesinger/dpa

ZEIT ONLINE: Vor zwei Jahren hat die KMK beschlossen, Ihre Initiative "Schule gegen sexuelle Gewalt" zu unterstützen, die Schutzkonzepte in Schulen vorantreiben will. Eine aktuelle Untersuchung belegt, dass die Zahl dieser Schutzkonzepte trotzdem stagniert. Was ist da los?

Rörig: Ich bin früher Marathon gelaufen, lange Strecken schrecken mich nicht ab. Mein erstes Ziel war, dass wir überhaupt an einer Startlinie stehen. Sechs Länder sind inzwischen losgelaufen und erreichen vielleicht bald Kilometer zehn. Einige Bundesländer stehen aber noch nicht einmal an der Startlinie. Drei Landeskultusminister waren nicht einmal bereit, zur Auftaktpressekonferenz in ihrer eigenen Landeshauptstadt zu kommen.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich diesen Unwillen?

Rörig: Sexuelle Gewalt gilt nicht als Gewinnerthema. Nicht jeder Minister ist so mutig und stellt sich dem trotzdem. Man muss ja öffentlich sagen: Wir können nicht ausschließen, dass auch unsere Schulen zum Tatort werden. Vor solchen Sätzen flüchten viele mit aller Kraft. Das Thema flößt ihnen Angst ein.

ZEIT ONLINE: Ist diese Sorge gerechtfertigt?

Rörig: Es kann schon anstrengend für Minister oder Schulleiter werden. Schuldirektoren wurden mit paradoxen Situationen konfrontiert. Ein Beispiel: Eine Schule, die noch nie einen Missbrauchsfall erlebt hat, will darüber diskutieren, wie sie Schülerinnen und Schüler am besten schützen kann. Plötzlich kommt Widerstand von der Elternvertretung. Die fragt: Was ist hier los? Haben wir einen Pädobären? Ist in der Dusche etwas passiert? Wurde die Polizei schon eingeschaltet? Dann muss der Schulleiter ausführlich erklären: Nein, im Gegenteil, wir wollen vorbereitet sein, bevor etwas geschieht. Wir wollen den Kindern Hilfe anbieten, die in der Schule versagen, weil sie zum Beispiel nachts in ihrer Familie sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. So etwas zu erklären, ist nicht so einfach. Diese Sprache beherrschen oft nur Schulleiter oder Kultusminister, die sich mit dem Thema beschäftigt haben. Die anderen entwickeln eher Abwehrhaltungen und verstecken sich hinter dem Tabu.

ZEIT ONLINE: Verlieren Sie da nicht langsam die Geduld?

Rörig: Meine Geduld ist strapaziert und der Geduldsfaden könnte bald reißen. Prävention ist eine wichtige Leitungsaufgabe. Ich brauche Schulleiter, die etwas verändern wollen. Und die Schulleiter wiederum brauchen die Unterstützung ihres Schulamts, ihres Ministers oder Senators. Ich habe einen Zeitplan. Ende 2018 sollten Schutzkonzepte wenigstens überall auf den Weg gebracht sein. Hessen und Rheinland-Pfalz versuchen derzeit am konsequentesten, den Schutz vor sexuellem Missbrauch in ihr Regelsystem einzubinden, auch in die Lehrerfortbildungen. Andere Länder tun sich schon schwer, unsere Infomappe mit den Arbeitsmaterialien in die Schulen zu bewegen. Da müssen wir sogar über das Porto für den Versand diskutieren.

ZEIT ONLINE: Was spricht eigentlich dagegen, wie bei Kindertagesstätten die Betriebserlaubnis einer Schule daran zu binden, dass sie ein Schutzkonzept hat?

Rörig: Aus meiner Sicht gar nichts. Im Gegenteil, das muss der nächste Schritt sein. Allerdings kann der Bund die Länder nicht dazu verpflichten. Diese Entscheidung muss jedes Land selbst treffen.

ZEIT ONLINE: Im Koalitionsvertrag, den Union und SPD gerade ausgehandelt haben, steht nicht viel über sexuellen Missbrauch – außer, dass Ihr Amt weitergeführt werden soll. Sind Sie enttäuscht?

Rörig: Ich freue mich, dass mein Amt verstetigt werden soll. Ich erwarte aber auch, dass damit der gesetzliche Auftrag einhergeht, die Länder in der Prävention von sexuellem Missbrauch dauerhaft zu unterstützen. Das hieße, meine Nachfolge oder ich hätten mehr Durchsetzungskraft als heute. Außerdem würde klar zum Ausdruck kommen, dass wir eine Daueraufgabe haben und nicht mehr von Skandal zu Skandal denken dürfen, immer in der Hoffnung, dass alles möglichst schnell wieder in Vergessenheit gerät.

ZEIT ONLINE: Das Wort Schutzkonzept kommt im Koalitionsvertrag nicht vor. Stattdessen steht darin: "Wir wollen die Verfahrensabläufe weiter optimieren". Davon, optimiert zu sein, sind die Verfahrensabläufe an Schulen noch ziemlich weit entfernt …

Rörig: Stimmt, das Wort Schutzkonzept kommt nicht vor. Dafür steht es aber im Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz, an dem wir mit Hochdruck arbeiten. Darin soll verankert werden, dass mein Amt für die flächendeckende Einführung von Schutzkonzepten zuständig wird. Damit wäre ich verpflichtet, die Länder darin zu unterstützen – egal, ob sie das wollen oder nicht.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist der Tatort Schule überhaupt?

Rörig: Die Schule ist nicht der zentrale Ort des Missbrauchs in Deutschland. Sexueller Missbrauch findet vornehmlich in der Familie und im familiären Umfeld statt. Sehr häufig sind aber auch sexuelle Übergriffe unter gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen, sogenannte Peer-to-Peer-Gewalt, die durch die digitalen Medien eine neue Dimension erlangen. Das tangiert die Schulen sehr stark, denn dort treffen sich die Kinder und  Jugendlichen jeden Tag. Wir brauchen die Schulen deshalb auch als Schutzort, an dem Minderjährige vertrauensvolle Ansprechpartner finden können. Denn in Schulen erreichen wir alle Kinder und Jugendlichen.

ZEIT ONLINE: Wie geht man damit um, wenn sich eine Schülerin in ihren Lehrer verliebt oder eine Lehrerin in ihren Schüler?

Rörig: Eine sexuelle Beziehung zwischen einer Schülerin oder einem Schüler und dem pädagogischen Personal ist nicht in Ordnung. Das muss allen klar sein. Das ist inzwischen auch bei unter 18-Jährigen strafbewehrt. Der Hausmeister darf allerdings immer noch mit einer 14-Jährigen aus der eigenen Schule ins Bett gehen. Das sehe ich kritisch. Ich bin der Meinung, man sollte das Verbot auf alle Erwachsenen aus der Schulcommunity ausdehnen. Das hat nichts mit Prüderie zu tun. In Schulen, wo es starke Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse gibt, müssen solche Beziehungen ausgeschlossen sein.

Sie benötigen Unterstützung oder Beratung wegen eines Falles von sexuellem Missbrauch? Das kostenfreie Hilfetelefon 0800 22 55 530 ist eine anonyme Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern.