Ist es denn allen egal, ob ein Erwachsener ein Schulkind demütigt, ihm Gewalt antut oder es missbraucht? Die Frage erscheint abwegig, doch man muss sie stellen. Während das ganze Land über #MeToo diskutiert und Schauspielerinnen oder Ski-Stars davon berichten, wie sie bedrängt, begrapscht und sogar vergewaltigt wurden, bleibt es an den Schulen verdächtig still. Acht Jahre nachdem die großen Missbrauchsskandale am Berliner Canisius-Kolleg und der reformpädagogischen Odenwaldschule in Hessen aufgeflogen sind, scheint alles wieder gut zu sein.

Nichts ist gut. Wer aufmerksam Zeitungen und Onlinemedien liest, stößt regelmäßig auf Berichte von Schülerinnen oder Schülern, die Opfer von sexueller Gewalt und Missbrauch geworden sind. Das Dunkelfeld ist riesengroß. Denn die Opfer schweigen oft aus Scham oder Angst. Manche entwickeln Schuldgefühle, sind ein Leben lang gezeichnet.

Längst ist klar, dass man viel dagegen tun könnte. Es gibt ausgeklügelte Methoden, wie sich Lehrer, Schüler und Eltern darauf verständigen können, was jeder von ihnen zu tun und zu lassen hat. Dass Lehrer beispielsweise nicht privat mit Schülern chatten sollten. Oder dass Schülerinnen ihren Lehrer nicht zu Hause besuchen. Doch fast niemand kümmert sich darum, solche Methoden umzusetzen. Schulleiter und Lehrer ducken sich weg und murmeln etwas von Überlastung.

Und die Eltern? Auf Elternabenden wird mit großer Leidenschaft diskutiert, ob der Läusealarm funktioniert. Wieso bei Unterrichtsausfall ständig die Telefonkette versagt. Warum es in der Kantine kein Biogemüse gibt. Ob man den Kindern an Geburtstagen Süßigkeiten mitgeben darf. Der Schutz der körperlichen und seelischen Integrität der Kinder ist dagegen kein Thema. Jedenfalls ist nichts von einem Elternaufstand für mehr Prävention gegen Missbrauch zu vernehmen.

Viele zuständige Politiker schließlich flüchten vor dem Thema in wolkiges und unverbindliches Gerede. Die einzigen, die ausdauernd für einen vorbeugenden Kinderschutz kämpfen, sind die Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen – und Betroffene selbst.

Doch Wegschauen wird den nächsten großen Skandal nicht verhindern. Es ist kein Zufall, dass Täter an Schulen auftauchen. Sie suchen Orte, an denen sie Kindern und Jugendlichen nahe kommen können. Viele von ihnen verstecken sich nicht einmal. Sie müssen es auch nicht. Denn sie können sich darauf verlassen, dass die meisten ihrer Kollegen den Übergriff gar nicht erkennen, wenn ein Täter beispielsweise eine Schülerin gegen deren Willen umarmt oder einem Schüler den Rücken tätschelt. Weil das Lehrerkollegium bisher nie offen über das Thema gesprochen hat und deshalb kein Einvernehmen darüber besteht, wo sexuelle Grenzverletzungen eigentlich anfangen.

Schulen müssen deshalb Schutzwälle errichten, die trennen, was im Umgang miteinander gerade noch geht und was sich niemand erlauben darf. Nur so können sie Tätern zuvor kommen. Klare Regeln und offenes Sprechen brechen die Macht der Täter. Und sie geben all jenen Lehrerinnen und Lehrern mehr Sicherheit und Rückhalt, die sich längst selbstkritisch fragen, wie viel Nähe sie zulassen dürfen und wie viel Distanz sie wahren müssen.

Sie benötigen Unterstützung oder Beratung wegen eines Falles von sexuellem Missbrauch? Das kostenfreie Hilfetelefon 0800 22 55 530 ist eine anonyme Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern.