Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, bemängelt sinkende schulische Anforderungen im deutschen Bildungssystem. Es gebe eine "Inflation an guten Noten", sagte der Schulleiter eines Gymnasiums im niederbayerischen Deggendorf der Deutschen Presse-Agentur. Bei der großen Zahl an Einser-Abiturienten könne man die wirklich herausragenden Schülerinnen und Schüler gar nicht mehr erkennen.

Die Pisa-Studie habe seinerzeit die Leistungsdifferenz zwischen den Bundesländern deutlich gemacht. 15-Jährige im Bundesland Bremen hinkten Gleichaltrigen in Bayern oder Sachsen im Fach Deutsch um zwei Jahre hinterher. Diese Unterschiede dürften nicht dauerhaft akzeptiert werden. Schuld daran sei die Politik, sagte Meidinger: "Den Politikern fehlt der Mut, mehr Leistung einzufordern und zu sagen: 'Das nächste Abitur muss wieder schwerer werden.' Wir müssen fördern und fordern."

Schulen mit vielen Sitzenbleibern stehen schlechter da

Weniger Sitzenbleiber, mehr Abiturienten, mehr gute Abiturnoten, weniger Schulabbrecher – das sei für die Kultusministerien in der Vergangenheit der einfachste Weg gewesen, um Zufriedenheit mit dem Bildungssystem herzustellen. Und dieses Ziel lasse sich "unabhängig von Leistung" am schnellsten erreichen, so Meidinger. Schulen stünden schlecht da, wenn sie viele Sitzenbleiber haben. Und so laute die informelle Vorgabe an manchen Schulleiter, die Anforderungen zu senken und weniger Schülerinnen und Schüler durchfallen zu lassen. "Eigentlich hätte der Weg anders gehen müssen: Was kann ich machen, um die Leistungen der schwächeren Schüler zu heben?"

Das habe sich leider auch bei der Einführung des G8-Abiturs in Bayern gezeigt. Die Politik habe aus Sorge vor schlechteren Abiturschnitten die Anforderungen gesenkt, etwa die mündliche Prüfung aufgewertet. "Das war natürlich genau der falsche Weg." Damit wolle er nicht sagen, "dass die Schüler heute nichts mehr können", betont Meidinger. Aber: Für eine Leistung, für die man vor zehn Jahren die Note 2 bekommen hätte, bekämen Schüler heute eben häufig eine 1. Das neue G9-Abitur biete die Chance, das wieder zu ändern.