Wenn in Grundschulen die Kinder aufeinander einschlagen und kein Unterricht mehr möglich ist, hätten viele gern eine einfache Erklärung oder einen Schuldigen. Da heißt es in Online-Kommentaren und in Kneipengesprächen: Die Kinder werden immer gewalttätiger! Und Schuld daran sind wahlweise die Migranten in der Parallelgesellschaft, die Inklusion behinderter Kinder, antiautoritäre Eltern – oder die Leistungsgesellschaft. Aber so leicht lässt sich die Schuld nicht zuweisen. Und noch komplexer als die Diagnose ist die Suche nach Heilung. 

Fakt ist: Eine Grundschule in Berlin-Schöneberg schlägt Alarm, weil Kinder auf andere eintreten, die schon am Boden liegen.  Andere Schüler, diesmal in einer Grundschule in Sachsen-Anhalt, reißen Eisenstangen aus dem Schulhofboden und verpassen einander Platzwunden. An beiden Schulen laufen die Kinder aus dem Unterricht, wann es ihnen passt und beleidigen ihre Lehrer.

Kinder beschmeißen die Lehrkräfte mit Gegenständen, treten und beschimpfen sie, das hat auch eine Umfrage des Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) 2016 ergeben.

Die Diagnose, Kinder und Jugendliche würden in einer verrohten Gesellschaft immer gewalttätiger, lässt sich trotzdem nicht belegen. Zwar ist es noch unüblich, dass Grundschulen einen Sicherheitsdienst einschalten, wie es gerade in Berlin geschieht. Üble Gewalt gab es aber auch unter den Kleinen immer wieder. 

Körperliche Gewalt nimmt an Schulen insgesamt sogar eher ab (dafür nehmen die Quälereien in sozialen Netzen später unter Jugendlichen zu). Selbst die Idee, dass zwar weniger Kinder und  Jugendliche zuschlagen, die dafür aber umso hemmungsloser, ist umstritten. Exzesse werden aber von Eltern und Medien viel sensibler wahrgenommen.

Das ist auch gut, wenn es die richtigen Konsequenzen hat. Gewaltforscher haben festgestellt, dass sich bei vielen Menschen eine Täter- oder Opferrolle verfestigen kann. Ein Kind wird in der Grundschule zum Schläger, Mobber oder Gedemütigten und bleibt es bis ins Erwachsenenalter hinein. Außerdem kann eine Dynamik in Gang kommen – wie es in den beiden Schulen offenbar geschehen ist. Wenn die Schulkultur irgendwann von der Gewalt Einzelner und von Strafen geprägt ist, lernt kein Kind mehr konzentriert, geschweige denn gerne. Opfer werden selbst wieder Täter usw. Es ist also dringend notwendig diese Dynamik zu durchbrechen. Nur wie? Sicher nicht mit Schuldzuweisungen.

Dass etwa in der Schöneberger Schule vorwiegend Kinder mit Migrationshintergrund zur Schule gehen, erklärt pauschal wenig.  In der Schule im Dorf Hessen in Sachsen-Anhalt gibt es so gut wie keine Einwandererfamilien und im Durchschnitt auch keine große Armut – und trotzdem Gewalt. Pädagogen und Eltern müssen also genauer hinschauen. Wo hat es begonnen? Worunter leiden die einzelnen Kinder? Worunter ganze Gruppen? An Überforderung, Vernachlässigung? Werden sie diskriminiert, eingeschüchtert, entmutigt, selbst geschlagen oder gedemütigt? Was löst die Wut aus?