Wie viele Lehrkräfte gehen in den Ruhestand? Wie viele werden beurlaubt? Wie viele gehen in Elternzeit und wie viele kehren zurück? Wie viele arbeiten in Teilzeit oder Altersteilzeit? In seinem beruflichen Alltag hat es Bernhard Puell mit vielen solcher Fragen zu tun. Er muss darauf Antworten finden, ausgedrückt in belastbaren Zahlen.

Seit zwölf Jahren errechnet der Statistiker für das Bayerische Kultusministerium den voraussichtlichen Lehrerbedarf, basierend vor allem auf den Daten zur Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Landesamts und den Amtlichen Schuldaten. "Das sind Datensätze für 1,7 Millionen Schülerinnen und Schüler", sagt er. "Sie zeigen mir, wie viele sich wo in unserem Schulsystem befinden und wann sie es voraussichtlich verlassen." Damit kann Puell die Schülerzahl relativ genau prognostizieren und auch die benötigte Anzahl an Lehrerkräften.

Das funktioniert vergleichsweise gut: "Die Bayern sind exzellent mit ihren Prognosen zum Lehrerbedarf", lobt Bildungsforscher Klaus Klemm. Dennoch fehlen auch im Freistaat Pädagogen an vielen Grundschulen. Statistiker Puell verdeutlicht eine der Ursachen: "Im Jahr 2016 hatten wir rund 9.000 Grundschüler mehr, als wir noch im Jahr 2014 erwartet hatten – in erster Linie aufgrund des großen Zustroms von Flüchtlingen 2015. Das war etwas Außergewöhnliches." Selbst die Bayern, die ihre Prognose jährlich anpassen, konnten darauf nicht angemessen reagieren.

Veraltete Prognosen in NRW

Noch größere Probleme haben andere Bundesländer wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen (NRW). Dort werden die Statistiken in größeren Zeitabständen erstellt. Die aktuell verfügbare Lehrerbedarfsprognose stammt aus dem Jahr 2011 – die hohe Zuwanderung der Flüchtlinge und die mittlerweile jährlich steigenden Geburtenraten sind darin nicht enthalten. Die Prognose zeigt einen Lehrerüberschuss, obwohl längst verzweifelt Grundschullehrerinnen und -lehrer gesucht werden. "Das liegt nicht etwa an den Statistikern, sondern an der Politik: Das Kabinett müsste dem Statistischen Landesamt den Auftrag für eine neue Prognose erteilen", sagt Klemm.

Doch das dauert. Nicht nur in NRW. Und so kommt es, dass viele Kultusministerien von der Realität überholt werden. Der Lehrermangel wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Laut der aktuellen Bertelsmann-Studie Lehrkräfte dringend gesucht, zu deren Autoren auch Klemm gehört, müssen bis zum Jahr 2025 allein in den Grundschulen knapp 105.000 Lehrer neu eingestellt werden.

Etwa 60.000 Lehrer, die aus dem Schuldienst ausscheiden, müssten laut der Bertelsmann-Studie ersetzt werden. 26.000 Pädagogen würden zudem benötigt, um den Unterricht bei steigenden Schülerzahlen aufzufangen. Für den Ausbau von Ganztagsschulen rechnen die Experten mit einem zusätzlichen Bedarf von 19.000 Lehrern. In dem Zeitraum schließen aller Voraussicht nach aber nur 70.000 Absolventen ihr Lehramtsstudium ab, womit an Grundschulen mindestens 35.000 regulär ausgebildete Lehrkräfte fehlen würden. Erst ab 2026, so das Ergebnis der Studie, werde sich eine Entspannung abzeichnen.

Bildungsministerien planen schlecht

Wer aufgrund der aktuellen Lage mit einem Lehramtsstudium beginnt, ist dennoch schlecht beraten. Die Ausbildung dauert inklusive Referendariat sieben bis acht Jahre. Dann kann der Bedarf auf dem Arbeitsmarkt ganz anders aussehen.

Dass die Schulpolitik oft schlecht vorausplant, zeigt auch der Blick in die Vergangenheit: Immer wieder folgte auf den Lehrermangel eine Lehrerschwemme. "Früher nannte man das den Schweinezyklus", sagt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck, der in den starken Schwankungen ein Indiz dafür sieht, dass die Bildungsministerien "keinen Plan für eine langfristige Ausbildungs- und Einstellungspolitik haben".