Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, dass alle Kinder in seinem Land künftig mit drei Jahren zur Schule gehen sollen. In Deutschland wäre das undenkbar: Hier gilt die Schulpflicht ab sechs Jahren, davor wird gespielt. Es herrscht zwar ein Konsens über die Bedeutung frühkindlicher Bildung, und einzelne Bildungsexperten und Lokalpolitiker argumentieren, eine Kindergartenpflicht stärke die Chancengleichheit. Deswegen haben deutsche Eltern seit 1996 einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab drei Jahren, seit 2013 sogar ab dem ersten Geburtstag.

Aber eine Kitapflicht, wendet die Mehrheit ein, zerstöre das Familienleben. Stattdessen fordert die neue Familienministerin Franziska Giffey mehr Qualität in den Kitas. So sollen kleine Kinder dazu angeregt und nicht dazu gezwungen werden, Deutsch zu sprechen, zu turnen, mit Musikinstrumenten oder draußen mit Matsch und Stöcken zu experimentieren. Gegen eine Kitapflicht sprechen auch die derzeitigen Kosten: Kitas gelten als Dienstleistung für berufstätige Eltern, deswegen zahlen sie meist Gebühren dafür. Je jünger die Kinder sind, desto höher sind die Gebühren. In manchen Bundesländern gibt es inzwischen kostenfreie Kitajahre, und im Koalitionsvertrag streben Union und SPD vage an, alle Kindergärten und Kitas kostenfrei zu machen. Das wäre eine erste Voraussetzung für eine Kitapflicht.

Nicht nur im Vergleich zu Deutschland ist Frankreichs Weg außergewöhnlich. Europäische Länder gehen sehr unterschiedlich mit frühkindlicher Bildung um. In Österreich müssen seit 2010 Kinder ab fünf Jahren für ein Jahr verpflichtend eine Kindereinrichtung besuchen, mindestens 20 Stunden pro Woche auf fünf Werktage verteilt. Während der Schulferien entfällt die Pflicht. Fernbleiben ist an höchstens drei Wochen im Jahr erlaubt, egal ob die Kinder wegen Krankheit oder Urlaub entschuldigt sind.

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Frankreich: Alle sollen die gleichen Wörter lernen

Mit dem verpflichtenden Schulbesuch ab drei Jahren sollen nach dem Willen der französischen Regierung alle Kinder dieselben Startchancen erhalten. Dabei gehen in Frankreich ohnehin fast alle Jungen und Mädchen schon vor der Grundschule in die sogenannte école maternelle: 97 Prozent waren es 2017. Für die meisten französischen Familien findet die Einschulung schon mit drei Jahren statt. Wer seinen Nachwuchs später zur Schule schickt, ist oft religiös, christlich wie muslimisch, oder wohnt in Überseegebieten wie Mayotte.

Die écoles maternelles funktionieren ähnlich wie Schulen: Sie beginnen für alle Altersstufen jeden Morgen pünktlich um 8.30 Uhr. Dreijährige lernen zählen, Vierjährige malen ihre ersten Buchstaben, und Fünfjährige nehmen ein Zeugnis mit nach Hause. Darin steht, ob sie schon kurze Wörter schreiben, Dreiecke und Vierecke auseinanderhalten und Geschichten vom Wochenende erzählen können. Die Kleinen lernen in Klassen mit 25 bis 30 Kindern, unterrichtet werden sie von einer Lehrerin und einer Hilfskraft. Ab 16.30 Uhr können sie abgeholt werden oder noch in der Betreuung bleiben. Die langen Zeiten und großen Gruppen verwundern viele deutsche Eltern. Französische Eltern aber sind daran gewöhnt: Vier von fünf Frauen arbeiten trotz Kinder in Vollzeit weiter. Selbst die Krippen für Babys ab drei Monaten sind bis abends um halb sieben oder länger geöffnet – und gut besucht.

Durch das neue Gesetz will Macron hervorheben, wie wichtig seiner Meinung nach die ersten Lernjahre sind. Gerade beraten Bildungsexperten über das Programm der künftigen maternelle: Vor allem die Sprachfähigkeit der Kleinen soll gefördert werden. Denn wie Bildungsminister Jean-Michel Blanquer gerne erwähnt: Ein Kind aus einem privilegierten Elternhaus hat bis zu seinem vierten Lebensjahr insgesamt 30 Millionen Wörter mehr gehört als ein Kind mit weniger gebildeten oder sprachfaulen Eltern. Ab dem Schuljahr 2019 sollen nun wirklich alle kleinen Franzosen und Französinnen gleich viele Wörter hören – in der Schule und nicht zu Hause.

von Annika Joeres, Paris