Die Psychologin Marina Chernivsky hat seit 2002 Projekte für politische Bildung entwickelt und umgesetzt. Sie ist Mitglied im unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestags und leitet seit 2015 das von ihr gegründete Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment sowie die Beratungsstelle Ofek der Zentralwohlwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Dort werden Schulen beraten, Lehrkräfte fortgebildet und Familien dabei unterstützt, mit Antisemitismus umzugehen.

ZEIT ONLINE: Frau Chernivsky, Sie haben gerade eine Konferenz vom Zentralrat der Juden in Deutschland und der Kultusministerkonferenz besucht. Lehrkräften sollen neue Materialien zu jüdischer Geschichte, Religion und Kultur zur Verfügung gestellt werden. Was war falsch an den alten Schulbüchern?

Marina Chernivsky: Jüdische Geschichte in Deutschland ist ja auch eine deutsch-jüdische Geschichte. Bislang wird das Judentum im Schulunterricht und in den Schulbüchern häufig undifferenziert und aus einer nicht jüdischen Sicht aufbereitet und erzählt. Juden erscheinen in vielen Lehrmaterialien vor allem im Kontext der Verfolgung oder des Nahostkonflikts. In Zukunft soll jüdische Gegenwart auch jenseits dieser Linien betont werden. So wollen wir zu einer differenzierteren Vermittlung jüdischer Geschichte beitragen.

ZEIT ONLINE: Um ein Gefühl für die Geschichte zu bekommen, sehen die Kinder Berichte von Zeitzeugen oder besuchen Gedenkstätten.

Chernivsky: Zeitzeugen vermitteln ihnen ihren Blick auf die Geschichte. Manche Jugendliche erforschen auch ihre lokale Geschichte. Das kann Empathie erzeugen, aber das reicht nicht. Manche entwickeln Mitgefühl für die Opfer des Nationalsozialismus und empfinden trotzdem Aggressionen gegen Juden heute. Eine trockene Verhandlung historischer Fakten wird auch nicht helfen. Wir müssen uns mit den Fragen der Jugendlichen auseinandersetzen, mit ihrem eigenen Zugang zur Geschichte und mit ihren Widerständen. Wir lernen Geschichte, weil es Teil unserer Gegenwart ist. Über die eigene Identität und Geschichte nachzudenken kann Jugendliche darin unterstützen, die Wirkungen des Nationalsozialismus zu verstehen und die Geschichte in die eigene Biografie zu integrieren.

ZEIT ONLINE: Jugendliche heute kennen den Uropa nicht mehr, der vielleicht bei der SS oder Wehrmacht war. Macht es das weniger kompliziert?

Chernivsky: Wir können nicht darauf setzen, dass wir mit jeder Generation weiter kommen. Auch bei den heutigen Jugendlichen kommen in Verbindung mit dem Thema noch Emotionen hoch, die sie nicht einordnen können. Das emotionale Erbe steckt buchstäblich zwischen den Generationen und ist nicht wirklich aufgearbeitet worden. Die Familien sind noch nicht alle mit sich im Reinen. Sie fühlen sich selbst als Opfer und relativieren das Leid der anderen. Der Antisemitismus war zwar nach 1945 keine staatliche Ideologie mehr, als mentales Konzept hat der Antisemitismus aber nicht aufgehört zu existieren. Juden werden bis heute noch als Fremde wahrgenommen und der Gedanke an sie bleibt für viele unangenehm.

ZEIT ONLINE: Müssen Lehrkräfte deshalb mit Schülern mit arabischem oder türkischem Elternhaus anders umgehen, wenn sie sich antisemitisch äußern? Weil ihre Judenfeindlichkeit andere Hintergründe haben könnte?

Chernivsky: Wir müssen lernen, mit der Heterogenität der Schülerschaft in den Schulen klarzukommen. Antisemitismus gibt es in allen Gruppen. Sowohl deutschstämmige als auch arabischstämmige Jugendliche benutzen zum Beispiel "Jude" als Schimpfwort auf dem Schulhof. Die hier Geborenen wissen, dass sie das eigentlich nicht sagen dürfen. Sie sagen das trotzdem als Provokation oder nutzen andere Ventile. Jugendliche mit Migrationsgeschichte, die noch nicht so lange hier leben, können dazu neigen, ihrem Hass ohne Umwege freien Lauf zu geben. In jedem Fall sollten Lehrer nachfragen: Wissen sie, was sie da sagen? Warum ist es ihnen wichtig? Wissen sie, was damit verbunden ist? Es bedarf präventiver und auch sofortiger Reaktionen. Das darf man nicht länger unbearbeitet lassen.