Jan Pfetsch ist Gastprofessor und stellvertretender Leiter des Fachgebiets Pädagogische Psychologie an der TU Berlin. Er forscht über Gewalt und Mobbing an Schulen. 

ZEIT ONLINE: Herr Pfetsch, die Meldungen über Gewalt an Schulen reißen nicht ab: Schüler gehen mit Messern aufeinander los, mobben jüdische Mitschüler und schlagen sogar ihre Lehrer. Selbst an Grundschulen gibt es gewalttätige Vorfälle. Wie ist Ihre Einschätzung, nimmt die Gewalt an Schulen zu?  

Jan Pfetsch: Grundsätzlich gibt es kaum Anzeichen, dass die Gewalt von Schülerinnen und Schülern zugenommen hat. Langzeitstudien zeigen ein relativ konstantes Niveau. Ähnlich sieht es in den Unfallmeldungen der Krankenkassen aus. Das Berliner Monitoring Jugendgewaltdelinquenz zeigt, dass die Zahl polizeilich registrierter Jugendgewalt mit Tatort Schule fünf Jahre in Folge gesunken und nun leicht wieder angestiegen ist. Hingegen ist die Anzahl der Gewaltfälle, die der Schulverwaltung Berlin gemeldet wurden, in den letzten zwei Jahren deutlich gestiegen. Dieser Anstieg der Meldungen kann aber unter anderem daran liegen, dass die Gewalt unter Schülerinnen und Schülern sensibler wahrgenommen wird und auch Konsequenzen hat – was natürlich begrüßenswert ist. 

ZEIT ONLINE: Ist denn die Gewalt auf dem Schulhof härter als früher oder nimmt sie andere Formen an?   

Pfetsch: Teilweise wird die körperliche Gewalt tatsächlich ein wenig härter: Nach dem Klaps kommt beispielsweise noch ein Fußtritt hinterher. Insgesamt hat das aber nicht so dramatisch zugenommen, wie es manchmal in den Medien erscheint. Dass Messer und Eisenstangen als Waffen genutzt werden, sind weiterhin erschreckende Einzelfälle, die nun jedoch mehr und längere Aufmerksamkeit erhalten. Körperliche Aggression war außerdem in der Grundschule schon immer häufiger als in der weiterführenden Schule. In weiterführenden Schulen überwiegen weniger beobachtbare Formen wie Beleidigungen, Bedrohungen, Ausgrenzungen und Gerüchte. 

Hinzu kommt, dass sich die Formen der Aggression diversifiziert haben. Cybermobbing gab es natürlich früher nicht – und das finden wir seit 2011 eigentlich in fast allen Schulformen. Außerdem kann man beobachten, dass es auch Mädchencliquen gibt, die etwas gewalttätiger werden als früher. Die Studienlage zum religiösen Mobbing in der Schule hingegen ist leider sehr dünn, wir wissen nicht, ob Juden oder Muslime stärker diskriminiert werden als noch vor einigen Jahren, oder ob nur mehr darüber gesprochen wird.

ZEIT ONLINE: Und die Gewalt gegen Lehrer? Lehrer werden laut einer Umfrage des Verbandes für Erziehung und Bildung geschlagen, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt.

Pfetsch: Tatsächlich werden Autoritäten auch in anderen Zusammenhängen weniger respektiert als früher. Polizisten und Rettungskräfte erzählen dasselbe wie Lehrkräfte. Dass Autoritätspersonen mehr Gewalt ausgesetzt seien als früher, kann man allerdings statistisch nicht gut belegen. Dazu gibt es zu wenige empirische Erhebungen. Den Eindruck der Schulleitungen und Lehrkräfte muss man dennoch ernstnehmen. Ich denke, es ist gut, dass das Thema nicht mehr tabuisiert wird.

ZEIT ONLINE: Warum werden Kinder überhaupt gewalttätig?

Pfetsch: Wir können bestimmte Risikofaktoren für aggressives Verhalten benennen. Zum Beispiel: Ein Kind, das Gewalt in der Familie erlebt, hat das größte Risiko, selbst gewalttätig zu werden. Defizite in den sozial-emotionalen Fähigkeiten, eine harsche, unberechenbare Erziehung oder ein hoher, aber instabiler Selbstwert können ebenfalls die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens steigern, insbesondere, wenn mehrere dieser Faktoren zusammen auftreten. Allerdings wird Gewalt auch manchmal erst in der Peer Group vorgelebt und dann übernommen. Auf jeden Fall gilt: Je häufiger ein Kind Gewalt sieht, also etwa in den Medien, in der Nachbarschaft, in der Schule und in der Familie, und je häufiger Gewalt nicht sanktioniert oder sogar "belohnt" wird, desto akzeptabler findet es sie. Deshalb sind Kinder in den sogenannten Brennpunktvierteln so gefährdet, weil sie oft von vielen Seiten Gewalt vorgelebt bekommen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Schülern mit Migrationshintergrund?

Pfetsch: Mit einem Migrationshintergrund allein lässt sich Gewalt nicht erklären. Aber dass die Stimmung vor allem in Grundschulen aggressiver ist, hat auch mit der immer heterogeneren Schülerschaft zu tun. Es gibt mehr Schülerinnen und Schüler mit Lern- oder Aufmerksamkeitsstörungen und mit unterschiedlichen sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Prägungen und Herausforderungen, die aufeinander stoßen – aber nicht unbedingt mehr Lehrkräfte, die sich individuell um sie kümmern könnten.

ZEIT ONLINE: Und was schützt die Kinder davor, gewalttätig zu werden?

Pfetsch: Eine gute Bindung an Eltern und Freunde, die positive Vorbilder sind, hilft. Schülerinnen und Schüler, die sich als Teil einer Gemeinschaft akzeptiert fühlen, werden viel seltener gewalttätig. Sie sind auch sozial kompetenter. Kinder schlagen häufiger zu, wenn sie Ärger und Wut nicht kontrollieren können. Sie denken nicht nach, was für Folgen das für den anderen und für sie selbst hat. Sie stecken im Ärger fest, haben nicht gelernt, sich in andere einzufühlen und andere Strategien zu finden, um Konflikte zu lösen.

Andere Kinder haben zu Hause vorgeführt bekommen, zu sagen: "Ich ärgere mich über das, was du getan hast und ich möchte, dass du dich anders verhältst."  Aber auch in der Schule können Kinder das noch lernen. Wenn Schülerinnen und Schüler zu Konfliktlotsen ausgebildet wurden, machen sie genau das: Sie gehen auf die Streitenden zu und versuchen, sie dazu zu bringen, auszudrücken, was sie ärgert und was sie sich wünschen.