Es bleibt leider wie gehabt: Die gebildeten, einigermaßen gut verdienenden Paare, die ihren Job mögen und bald wieder arbeiten wollen, werden für ihre Babys belohnt. Ihnen schenkt der Staat Geld und Zeit. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden – wenn nicht die Kinder aus armen Familien immer noch das Nachsehen hätten –, das zeigt unter anderem eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zu kostenlosen Kitaplätzen

Beim Reformeifer der vergangenen Jahre war zwar für alle Familien viel Schönes dabei: Elterngeld, Rechtsanspruch auf Kita- und Krippenplätze, Ganztagsschulen – und in einigen Bundesländern gibt es schon gebührenfreie Kitajahre. In Zukunft soll für Eltern keine Kita mehr etwas kosten, plant die große Koalition. Das hört sich gerecht an. Für die intensive Förderung ärmerer Kinder fällt aber bei dem Prinzip Alle kriegen das Gleiche erfahrungsgemäß zu wenig ab. 

Denn Kinder, die entweder zu Hause nicht Deutsch sprechen oder ungebildete und arme Eltern haben, brauchen viel mehr Förderung. Die Forderung der Experten, ein ausgebildeter Erzieher oder eine Erzieherin solle für höchstens drei Kleinkinder bis zwei Jahre da sein und einer für sieben bis acht Kinder, die über drei Jahre alt sind, ist für alle Kinder wichtig, für benachteiligte aber essenziell. Damit die Kinder sich geborgen fühlen und damit die Erzieher Zeit haben, um mit ihnen zu sprechen, ihnen vorzulesen, um zu turnen oder Ausflüge zu machen.

In Baden-Württemberg gilt dieser Betreuungsschlüssel zum Beispiel schon, in den meisten anderen Bundesländern nicht. In Berlin zahlen Eltern bald sogar für Krippenkinder nichts mehr, es ist aber noch ein Erzieher rechnerisch für 4,25 Kinder unter zwei Jahren zuständig. In Mecklenburg-Vorpommern zahlen sie sogar vergleichsweise viel und der Personalschlüssel ist noch schlechter. Um das zu beheben, müssen Erzieherinnen und Erzieher erst einmal gefunden und ausgebildet werden. Damit das gelingen kann, müssen sie dringend besser bezahlt werden.

Gebildete Eltern gleichen schlechte Qualität wieder aus

Gebildete Eltern wünschen sich natürlich auch, dass ihre Kinder in der Kita Anregungen und Aufmerksamkeit bekommen. Außerdem sind gerade in Berlin Eltern auf die Straße gegangen, weil sie trotz Rechtsanspruch gar keinen angemessenen Kitaplatz finden. Das heißt, auch für neue Kitas werden weitere Erzieher gebraucht.

In der Bertelsmann-Umfrage sagen mehr als die Hälfte aller Eltern, dass sie bereit wären, mehr Gebühren zu zahlen als bisher, wenn sich dafür mehr Fachkräfte um die Kinder kümmern würden. Dabei gleichen die gebildeten Eltern einen Mangel in der Kita meist selbst wieder aus: Sie lesen mehr vor, gehen ins Kindertheater oder zum Eltern-Kind-Yoga. 

Franziska Giffey, die neue Familienministerin von der SPD, war zuvor Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln und weiß, wie nötig viele benachteiligte Kinder die Kita und den intensiven Austausch mit ihren Erzieherinnen haben. Eine ihrer ersten Ankündigungen war deshalb: Kitas sollten besser werden. 3,5 Milliarden Euro will sie investieren. Laut Bertelsmann-Stiftung müssten aber über 15 Milliarden ausgegeben werden, wenn man die Qualität anheben und gleichzeitig die Kitagebühren abschaffen wollte.

Arme Familien müssen Priorität haben

Selbst wenn die Bertelsmann-Zahlen hochgerechnet sind. Es ist unwahrscheinlich, dass das Familienministerium seine Investition auch nur verdoppeln, geschweige denn vervierfachen kann oder die Länder parallel den Mangel komplett beheben können. Wenn doch: Keiner wird sich wehren.

Aber es wäre realistischer, die Kitagebühren erst einmal nicht für alle abzuschaffen, sondern nur für die, die unter der Armutsgrenze leben. Denn so bleiben, wie es ist, sollte es auch nicht, hat die Stiftung ausgerechnet: Zwar werden die Gebühren bislang überall nach Einkommen gestaffelt, doch müssen Eltern mit sehr wenig Geld im Schnitt proportional deutlich mehr von ihrem Einkommen hergeben als gut verdienende. Auch hier sieht man wieder: Sie angemessen zu entlasten und ihre Kinder zu fördern war nie Priorität. Jetzt sollten sie endlich dran sein.

Ursprünglich wurden Kita- und Ganztagsschulreformen mit zwei Zielen geplant: Erstens die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Eltern – das hat ganz gut geklappt. Mittelstandseltern können im ersten Babyjahr mit dem Elterngeld einigermaßen entspannt zu Hause bleiben, finden danach (leider noch nicht überall) einen Kita-, dann einen Ganztagsschulplatz und können beide wieder arbeiten gehen. Ein Kind kostet sie viel weniger als früher. Mit dem kostenfreien Kindergarten würde ihr Budget noch besser werden.

Das zweite Ziel, benachteiligte Kinder in Deutschland durch Kita und Ganztagsschule deutlich besser zu fördern, wird jedoch oft nur halbherzig verfolgt. Schon beim Kitaausbau wurde erst nur auf Quantität, nicht auf Qualität geachtet. Und nicht nur in den Kitas, auch in den Ganztagsschulen in den Brennpunktvierteln arbeiten meist zu wenige Erzieher, Sozialarbeiter, Sonderpädagogen oder Psychologen, um jedem Kind weiterhelfen zu können.  

Gerecht ist nicht, wenn alle gleich wenig zahlen, sondern erst einmal alle das bekommen, was sie wirklich brauchen. Dazu müssen immer noch Plätze geschaffen werden, bundesweit verbindliche Qualitätsstandards gelten und die Gehälter von Erziehern erhöht werden – auch in den Schulen. Wenn das erledigt ist, spricht nichts gegen kostenfreie Kitas.