Mansur Seddiqzai unterrichtet an einem Gymnasium im Dortmunder Norden unter anderem Islamischen Religionsunterricht. Er schreibt für ZEIT ONLINE darüber, wie seine überwiegend muslimischen Schülerinnen und Schüler die Welt sehen.

Mein Großvater in Afghanistan wollte nicht fasten. Er litt im Ramadan, unter anderem wegen eines Herzleidens. Aber der gesellschaftliche Druck war zu hoch für ihn, um das öffentlich zuzugeben. Sobald er nach Hause kam, wies er seine Kinder an, die Fenster zu schließen und die Gardinen zuzuziehen – und meine Großmutter musste ihm sein Essen zubereiten. In unserer Familie nennen wir das scherzhaft "afghanisches Fasten". 

Leider ist das Dilemma meines Großvaters noch heute aktuell für meine Schüler, und das mitten in Deutschland. Ich spiele deshalb mit ihnen "Ramadan-Polizei" und mime einen strengen Sittenwächter, der die Trockenheit der Lippen überprüft und den Mundgeruch analysiert, beides typische Begleiterscheinungen des langen Fastens. Schließlich hole ich bei Nichtbestehen den "Ungläubigenstempel" hervor. Diese Theatereinlage erheitert meine Schüler. Den Gruppenzwang während der Fastenzeit muss ich trotzdem sehr ernst nehmen. Manchmal werden nichtfastende Schüler nämlich regelrecht gemobbt, oft zumindest subtil unter Druck gesetzt.

Neulich fragte mich etwa einer meiner Schüler, ob wir wegen der Hitze nicht draußen Unterricht machen könnten. Ein anderer fuhr ihm ins Wort: "Aber du fastest doch gar nicht." Dieser Satz teilt die Klassengemeinschaft nicht nur in Fastende und Nichtfastende auf, sondern dahinter steht auch der Gedanke, dass jemand, der nicht fastet, keinen Anspruch auf Erleichterung hat.

Andere nutzen das Fasten als Ausrede für schlechtes Benehmen. Ein Schüler kauerte, den Kopf in seinen Armen vergraben, über dem Tisch und wollte nicht am Unterricht teilnehmen. Nicht nur das, er beleidigte seine Mitschüler, wenn sie sich meldeten. "Ich faste doch", sagte er, als ich ihn ermahnte. Ich versuche an meine Schüler weiterzugeben: Wer nichts isst und trinkt, wird nicht automatisch zum guten Menschen.

18 Stunden ohne Essen und Trinken

Allerdings gehen die fastenden Schüler wirklich an ihre körperlichen Grenzen. In diesem Jahr verzichten sie 18 Stunden lang auf Essen und Trinken. Es ist früh Sommer geworden. Die Hitze macht ihnen zu schaffen und sie schlafen viel zu wenig. Denn sie brechen ihr Fasten spät und stehen früh auf, um vor dem Sonnenaufgang noch schnell etwas zu sich zu nehmen. Das passt nicht zu durchschnittlich 34 Unterrichtsstunden in der Woche, zu Hausaufgaben und Klausurstress.

Einige meiner Oberstufenschüler helfen außerdem in Moscheen und teilen das Abendessen an Bedürftige und Geflüchtete aus. Nach dem Fastenbrechen bleiben sie in der Moschee, und verrichten dort das traditionelle Tarawih-Gebet. Dieses Gebet schließt sich jeden Tag noch an das Nachtgebet an. Dabei nehmen sich die Schüler vor, über den Zeitraum des Ramadans den kompletten Koran zu rezitieren. In der Praxis stehen sie dabei lange und verlassen die Moschee weit nach Mitternacht. Dann bleiben sie oft noch wach, weil es sich nicht lohnt, bis zum Morgengebet schlafen zu gehen. Ihre Hingabe und ihr Engagement beeindrucken mich. Sie fordern für sich auch keine besondere Rücksichtnahme im Unterricht ein. Auf der anderen Seite muss ich als Lehrer auch im Ramadan Noten verteilen und darf niemanden bevorzugen, nur weil er fastet.