Wenn Anna Weber* damals geahnt hätte, was sie alles riskieren würde, dann hätte sie vielleicht geschwiegen. Dann hätte sie sich nicht an ihren Schulleiter gewandt und gemeldet, was Elena* ihr gestanden hatte. Sie hätte auf ihre Kollegen gehört, die sie vor diesem Schritt warnten.

Eine schmale blaue Mappe liegt vor der jungen Sportlehrerin auf dem Kaffeehaustisch. Der Umschlag enthält E-Mails, amtliche Schreiben und Behördenvermerke. Anna Weber hat die Papiere zum Gespräch in das Café mitgebracht, weil es sonst kaum etwas gibt, mit dem sie belegen könnte, dass alles wirklich so geschehen ist. Die Lehrerin hat große Sorge, erkannt zu werden. Die Schulverwaltung hat sie zum Schweigen verpflichtet. Deshalb muss diese Geschichte, die sich vor einiger Zeit an einem deutschen Traditionsgymnasium zugetragen hat, skizzenhaft bleiben. Alle Namen und einige Details sind zum Schutz der Betroffenen verfremdet worden.

Es ist eine Geschichte von Schwärmerei und Macht, Sehnsucht und Ausbeutung. Und ein Beispiel dafür, wie schutzlos Lehrkräfte dastehen, wenn sie es wagen, sexualisierte Gewalt an ihrer Schule zu melden. So wie Anna Weber. Als Elena ihr von der Sache mit ihrem Physiklehrer erzählt, ist sie in der elften Klasse. Harald Jung* ist Mitte 50, ein sportlicher Familienvater, einer der beliebtesten Pädagogen aus dem Kollegium, seit vielen Jahren unterrichtet er an der Schule. Und er hat Sex mit Elena. Das behauptet die 17-jährige Schülerin. Aber stimmt es? Und wie soll sich die Sportlehrerin verhalten, als sie von dem Vorwurf gegen ihren altgedienten Kollegen erfährt?

Anna Webers Gymnasium hat kein Schutzkonzept erarbeitet, das der Lehrerschaft verbindliche Leitlinien für solche heiklen Situationen vorgeben würde. Die wenigsten Schulen in Deutschland verfügen über solche Notfallpläne, obwohl die Kultusministerkonferenz deren Einführung vor Jahren zugesagt hatte. Das hat gravierende Folgen, nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Lehrkräfte.

Im Februar hatte ZEIT ONLINE erstmals darüber berichtet, wie wenig sich Schulleitungen, Aufsichtsbehörden und Landesregierungen bemühen, Schülerinnen und Schüler vor sexualisierter Gewalt und Missbrauch zu schützen. Rund 1.400 Leserinnen und Leser meldeten sich daraufhin und berichteten von verbalen Belästigungen, körperlichen Übergriffen und Missbrauchsfällen.

Diese Zuschriften sind nicht repräsentativ, doch sie lassen die Dimension des Problems im Schulalltag erahnen. In 80 Prozent der geschilderten Fälle waren Schülerinnen die Opfer, zwei Drittel der Vorfälle blieb für die Täter folgenlos. Selbst wenn Schulleitung oder Schulaufsicht eingeschaltet wurden, hatte die Tat in mehr als der Hälfte der Fälle keine disziplinarischen Konsequenzen für den beschuldigten Lehrer.

ZEIT ONLINE hat einige der Fälle nachrecherchiert, so wie jenen von Anna Weber. Nicht immer lässt sich eindeutig belegen, was genau vorgefallen ist. Denn viele Übergriffe sind strafrechtlich nicht relevant, weshalb sie nicht offiziell verfolgt und dokumentiert werden. Da ist beispielsweise der Lehrer, der seiner 15-jährigen Schülerin per Whatsapp schreibt: "Ich würde gerne mit Dir einschlafen" und "Wir müssen mal zusammen kuscheln". Später taucht er am Freibad auf und will das Mädchen alleine nach Hause fahren. Nur weil zwei Freundinnen der Schülerin dazwischengehen, lässt er von seinem Vorhaben ab. Die Mädchen zeigen den Lehrer bei der Polizei an. Doch der Staatsanwalt stellt das Verfahren ein. Seine Begründung: "Der Beschuldigte hat sich zwar in ausgesprochen unpassender, distanzloser und nicht tolerierbarer Art und Weise seinen Schülerinnen angenähert." Ein sexueller Missbrauch im Sinne des Strafgesetzbuchs liege aber nicht vor.

Selbst wenn Lehrer oder Lehrerinnen mit ihren minderjährigen Schülerinnen oder Schülern schlafen, ist die Lage oft kompliziert. Häufig steht Aussage gegen Aussage. Expertinnen für sexuellen Missbrauch warnen jedoch davor, von einer unklaren Beweislage darauf zu schließen, dass nichts geschehen sei. Ursula Schele leitet die PETZE, eine Fachstelle für die Prävention von sexualisierter Gewalt und sexuellem Missbrauch in Kiel, und ist Vorsitzende des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen. Sie sagt: "Die Angst davor, dass ein Verdacht unberechtigt erhoben worden ist, hat viel damit zu tun, dass das Thema sexueller Missbrauch immer noch tabuisiert wird."

Nur die wenigsten Opfer wagten überhaupt, solche Übergriffe mitzuteilen, sagt Schele. Wenn Betroffene dann doch redeten, müsse man zunächst davon ausgehen, dass es tatsächlich so oder so ähnlich passiert sei. Unter 1.000 Fällen fänden sich durchschnittlich drei, in denen jemand falsch beschuldigt werde. Dennoch wagten es viele Menschen nicht, Opfern von Übergriffen zur Seite zu stehen. "Die Angst davor, einen Erwachsenen zu beschuldigen, ist immer noch viel größer als der Mut, einem Jugendlichen zu helfen." Zumal die Erfahrung lehrt, dass einem dieser Mut teuer zu stehen kommen kann. So wie Anna Weber.

Schockiert und ratlos

Es ist kurz vor den Ferien, wochenlang hat sie mit Elena für einen großen Abschlusswettkampf trainiert. Doch nun will Elena plötzlich nicht mehr. "Ich trete da nicht an", habe sie ihr kurz vorher mitgeteilt, sagt Weber. "Ich kann nicht mehr."

Weber hat Elena schon in der Mittelstufe unterrichtet. Sie war eine mittelmäßige Schülerin, aber Sport war ihr wichtig gewesen. Irgendwann hatte sie Weber erzählt: Sie habe psychische Probleme und könne sich deshalb nicht auf den Unterricht konzentrieren. Weber sprach mit den Eltern und vermittelte die Familie an eine Beratungsstelle. Elena machte eine mehrmonatige Therapie.

Ist ihre Krankheit nun zurückgekehrt? Weber verabredet sich mit Elena. Doch diesmal erzählt das Mädchen nicht von seiner Krankheit, sondern von dem Physiklehrer. Seit einem Jahr hätten sie etwas miteinander, berichtet die Oberstufenschülerin. Jung habe ihr Komplimente gemacht: Wie toll sie aussehe! Was für eine großartige Sportlerin sie sei! Am Anfang hätten sie sich nur geküsst. Inzwischen, sagt die Schülerin, schliefen sie auch miteinander.

Anna Weber ist schockiert und ratlos. Sagt Elena die Wahrheit? Oder will sie nur die Aufmerksamkeit der Lehrerin auf sich ziehen? Hört man nicht immer wieder davon, dass sich Schülerinnen in ihre Lehrer verlieben und später sogar heiraten? Elena jedenfalls will keine Anzeige erstatten, sondern die Schule verlassen. Ihr 18. Geburtstag steht kurz bevor.