© privat

Lehrer arbeiten bis mittags und haben zwölf Wochen frei – das ist das eine Klischee. Das andere: Sie machen ständig viel zu viele Überstunden. Wir haben sechs Lehrer gebeten, für uns eine Woche lang Stundenpläne auszufüllen. Sie zeigen natürlich nur einen zufälligen Ausschnitt ihrer Arbeit, machen aber deutlich: Nicht alle arbeiten jederzeit zu viele Stunden, ihr Alltag ist aber extrem anstrengend.

Nicht abbilden kann ein Stundenplan, wie abwechslungsreich die Arbeit ist. Mal stehen Prüfungen an, mal gibt es viele Klassenarbeiten auf einmal zu korrigieren, dann ist wieder mehr Zeit, Neues vorzubereiten. Lehrer sind ständig im Gespräch: mit Schülern sowieso, aber auch mit Eltern, Kollegen oder Sozialarbeitern. Sie sind unterwegs auf Klassenfahrten und Ausflügen.

Bezahlt werden mit einigen Ausnahmen nur die Unterrichtsstunden, nicht die Arbeitszeit insgesamt. Ein Gymnasiallehrer in Vollzeit muss ungefähr 25 Stunden unterrichten, eine Grundschullehrerin 28, eine Gesamtschullehrerin 26 Stunden. Je nach Bundesland, Fach und Alter variiert das sogenannte Deputat. Wer viel Aufwand betreibt, um sich vorzubereiten, wer sich oft mit Kollegen und anderen Pädagogen austauscht oder ungewöhnliche Materialien zusammensucht, wer ansprechbar ist für die Probleme der Schüler – der arbeitet oft auch deutlich mehr als die vereinbarte Stundenzahl.

Herr L. ist 45 und arbeitet an einer Grundschule in Schleswig-Holstein in Vollzeit, unterrichtet also 28 Stunden Sport, Mathe, HWS (Heimat-, Welt- und Sachunterricht) sowie Religion. Im Stundenplan kommt er auf knapp 42 Stunden (siehe oben).

Das war eine neue Erfahrung: einen Stundenplan zu führen. Ich schaue normalerweise nicht auf die Uhr. Das Gute an meinem Job ist, dass ich selbst entscheide, ob ich gleich am Mittag den Unterricht vorbereite oder mich erst abends noch mal hinsetze.

Kurz vor den großen Ferien sind die Klassenarbeiten alle geschrieben. Ich habe nicht viel zu korrigieren, muss aber die Zeugnisse schreiben und mit Kollegen über die Beurteilungen reden. Noten gibt es bei uns noch nicht. Außerdem ist das die Phase, in der ich viel mit besorgten Eltern spreche. Da geht es auch mal darum, dass ich es für sinnvoll halte, dass ein Kind eine Klasse wiederholt. Vor den Herbstferien sieht es ganz anders aus. Dann muss ich vielleicht viel korrigieren, aber dafür sind die Eltern ganz entspannt, denn das Schuljahr hat erst begonnen.

In den vergangenen Jahren hat sich die Arbeitsbelastung schon verändert. Ich führe zum Beispiel viel mehr Gespräche mit unserem Schulsozialarbeiter über schwierige Schüler. Ich habe den Eindruck, die Kinder sind so durchgetaktet: Schule, Nachmittagsbetreuung, Ballett oder Fußball. Sie sind gestresst.

Sozialarbeiter, Erzieher und Inklusion

Wir arbeiten auch gut mit den Erziehern in der Nachmittagsbetreuung zusammen. Wenn es in der Betreuung ein Problem mit den Matheaufgaben gab, erzählt die Erzieherin davon. In der Übergabe vom Vormittag reden wir über die aktuellen Hausaufgaben. Aber das kostet natürlich auch Zeit.

Ich habe auch ein Inklusionskind in der Klasse. Ein autistischer Junge, manchmal läuft alles rund, aber wenn er etwa in einem neuen Spiel verliert, dann haut er auch mal zu. Dann muss ich mir Zeit für ihn nehmen. Inzwischen hat er aber eine Schulbegleitung, das erleichtert vieles.

Mehr Zeit wünsche ich mir vor allem für die einzelnen Schüler im Unterricht. Aber eine Doppelbesetzung pro Klasse wird nicht bezahlt, bei dem Lehrermangel wäre sie auch gar nicht zu organisieren. Die große Herausforderung an der Grundschule ist ja, dass wir vom Förderschulkind bis zum zukünftigen Gymnasiasten alle gemeinsam unterrichten und trotzdem jedem gerecht werden wollen.

Über die Zahl der Stunden beklage ich mich nicht, eher über geringe Wertschätzung: Wir Grundschullehrer werden immer noch belächelt, weil wir nur bis 100 rechnen – und werden schlechter bezahlt als andere Lehrer.