Quereinsteiger sind in vielen Bundesländern ein beliebtes, aber umstrittenes Rezept gegen den Lehrermangel. In sieben Jahren sollen laut Prognose der Bertelsmann Stiftung rund 35.000 Lehrer allein an deutschen Grundschulen fehlen. In manchen Schulen sind schon 70 Prozent der neu eingestellten Lehrer nicht den klassischen Ausbildungsweg vom Lehramtsstudium bis zum 2. Staatsexamen gegangen. Sie springen von ihrem alten Beruf mehr oder weniger unvorbereitet in den Unterricht und lernen die Pädagogik nebenbei. Lehrerverbände kritisieren, dass der Beruf an Ansehen verlieren könnte. Dass die ausgebildeten Lehrer für die Seiteneinsteiger die Mehrarbeit erledigen müssen. Und vor allem: dass die Neulinge den Schülern, insbesondere in den Grundschulen, nicht gerecht werden.

Ein Berliner Schulrat schätzt, dass sich nur zehn bis zwanzig Prozent der Seiteneinsteiger als Naturtalente problemlos in den Schulbetrieb einfügen. Sechzig Prozent bräuchten Coaching und Fortbildungen, wofür aber kaum Zeit sei. Der Rest erweise sich als "völlig ungeeignet". 

Vorteile haben Quereinsteiger allerdings auch, vor allem für die älteren Schüler in den weiterführenden Schulen und an Berufsschulen: Sie sind nicht ausschließlich an der Schule gewesen, und können nicht nur ihr Fachwissen, sondern auch ihre praktischen Erfahrungen an Kollegen und Schüler weitergeben. Sie treten oft souverän auf und bringen neue Ideen in den Unterricht oder in die Lehrerkonferenzen ein.

Hier erzählen drei Quereinsteiger, warum sie sich für diesen Weg entschieden haben. Sie berichten davon, was ihnen gefällt und was sie vermissen. Und warum es für sie trotz aller Schwierigkeiten ein guter Weg gewesen ist.

Frauke Diegner ist Mitte 30 und unterrichtet seit gut sechs Monaten Deutsch in einer Grundschule im niedersächsischen Munster. Sie hat vorher in einem Verlag und an ihrer Promotion gearbeitet. 

Ursprünglich wollte ich keine Lehrerin werden, in der Grundschule schon gar nicht. Ich habe Germanistik und Geschichte studiert und mich explizit gegen das Staatsexamen entschieden. Aber schon während des Studiums habe ich gemerkt, dass ich das Seminar über Lesesozialisierung spannender fand als das über Goethe. Meine Masterarbeit habe ich über die literarische Qualität von Kinderbüchern geschrieben.

Frauke Diegner © privat

Danach habe ich ein Volontariat in einem kleinen Verlag gemacht. Die Kollegen waren toll, die Arbeit interessant – aber trotzdem war es enttäuschend. Ich hatte mir die Verlagsarbeit anders vorgestellt. Da ich mich zurücksehnte zum wissenschaftlichen Arbeiten, habe ich eine Doktorarbeit angefangen und ehrenamtlich in einer Schulbibliothek gearbeitet. Ich war überrascht, wie viel Spaß es mir machte, den Kleinen etwas zu erklären. Allmählich wurde die Schule attraktiver für mich.

Ich habe währenddessen selbst drei Kinder bekommen und es nicht geschafft, die Doktorarbeit zu beenden. Ich beschloss, zurück an die Uni zu gehen und auf Grundschullehramt zu studieren. Aber beim Studienseminar gab mir die Beraterin zu verstehen, dass sie mich auch so nehmen würden, ohne neues Studium und ohne Referendariat.

Bei uns in Niedersachsen arbeiten Quereinsteiger während der Ausbildung mehr als Referendare und müssen dafür weniger Studienseminare absolvieren. Wir werden erst besser bezahlt, danach aber nicht verbeamtet.

Ich habe mich in einem recht bürokratischen Onlineportal als Quereinsteigerin beworben und wurde sofort zu acht Gesprächen eingeladen. Entschieden habe ich mich für eine Schule, die 90 Kilometer von mir zu Hause entfernt liegt. Aber die Stimmung dort ist so kollegial und offen, dass ich gerne pendle. Ich durfte von vornherein eigenverantwortlich arbeiten, habe mich aber trotzdem nie alleinegelassen gefühlt. Zum Glück war ich es durch die Vorträge, die ich für mein Stipendium halten musste, gewohnt, im Rampenlicht zu stehen. Als Lehrerin hilft das enorm, vor allem, wenn man pädagogisch noch nicht so fit ist.

"Mich hat schockiert, wie groß die Spanne ist zwischen dem, was Grundschüler können"

Das Einzige, was mich wirklich schockiert hat, ist, wie groß die Spanne ist zwischen dem, was die Grundschüler können. Und das betrifft auch deutsche Muttersprachler. Die einen Kinder haben am Ende der zweiten Klasse ihre dicken Bibi und Tina-Bände ausgelesen und die anderen verzweifeln an dem Satz "Das Tor ist rot".

Sicher habe ich die Kinder auch mal überfordert. Aber ich bekam viel Unterstützung von den Kolleginnen. So habe ich gelernt, für den einen mehr Übungen bereitzustellen, für einen anderen nur kleine Texte. Auf der anderen Seite kann ich auch meinen Kolleginnen weiterhelfen. Zwei von ihnen unterrichten fachfremd Deutsch, da kann ich als Germanistin einiges erklären.

Was mir persönlich guttut, sind die festen Arbeitszeiten. Wenn ich Feierabend habe, habe ich kein schlechtes Gewissen mehr. Früher dachte ich, ich darf eigentlich keine Pausen machen. Wenn die Kinder schliefen, fühlte ich mich verpflichtet, an meiner Dissertation zu arbeiten. Auch schön: Ich bin sozusagen gleichzeitig mit meinem Sohn eingeschult worden und kann gut einschätzen, wie er sich selbst in der Schule macht.

Ich habe allerdings Glück. Ich kenne andere Quereinsteiger, die ausschließlich als Vertretungslehrer eingesetzt werden. Manche sind sehr isoliert im Kollegium. Das wäre schlimm für mich. Nach der einsamen Zeit an der Doktorarbeit wollte ich unbedingt wieder in einem Team arbeiten. Und das wissenschaftliche Arbeiten vermisse ich erstaunlicherweise gar nicht so sehr.