Gleich beginnt die Unterrichtsstunde von Frau Fleischmann, raunen sich zwei junge Frauen zu. Die soll ganz besonders toll sein. Heute dürfen Eltern beim Unterricht zugucken, es ist Tag der offenen Tür an der Neuköllner Karlsgartenschule. Und der Andrang ist riesig. Während im Hintergrund kichernde Mädchen mit bunten Kopftüchern vorbeiflitzen, drängen sich vor dem Infostand die Akademikereltern.

Im Nebenraum beantwortet Christine Mallon Fragen. Nein, sagt die Schulleiterin, sie könne nicht alle Kinder aufnehmen. Ja, es entscheide das Los. Nein, da könne man gar nichts machen. Etwa 30 Väter und Mütter sind im Raum, manche haben Babys dabei, einige stehen, weil es nicht genügend Stühle für alle gibt.

Was ist mit Quereinsteigern? Fällt viel Unterricht aus? "Gute Lehrer und Erzieher suchen wir hier auch", sagt Mallon. Die Personalplanung ist zur Zeit eine ihrer größten Sorgen. Die der Eltern ist: Wie bekomme ich einen Platz an dieser Grundschule?

Kaum einer wollte freiwillig seine Kinder hier einschulen

Die Berliner Karlsgartenschule ist die drittbeliebteste öffentliche Grundschule im Bezirk Neukölln. Eine Schule, für die Familien schon mal einen Anwalt beauftragen, um an einen Platz zu kommen. In diesem Jahr standen 40 Kinder auf der Liste, die alle nicht im Einzugsgebiet wohnen. Am Ende konnte das Schulamt fünf Plätze verlosen. Gemessen am Andrang an diesem Tag der offenen Tür Ende Mai, dürfte das Interesse im kommenden Jahr weiter steigen.

Und das ist eine erstaunliche Entwicklung. Denn dass die Karlsgartenschule jemals Kinder ablehnen muss, hat noch vor ein paar Jahren niemand gedacht. Hier wollte keiner freiwillig sein Kind anmelden. 

Früher gab es hier keine Disziplin. Das war schon krass.
Christine Mallon, Schulleiterin der Karlsgartenschule

Die Fragestunde ist vorbei, Mallon sitzt wieder in ihrem Büro, füllt Tabellen aus, wann welche Klasse Schulhofdienst hat. Alle paar Minuten klopft es an der Tür. Mallon ist seit einem Jahr Schulleiterin. Als sie vor zehn Jahren als Lehrerin an die Schule kam, sah hier alles anders aus. Damals verzweifelten die Kollegen an den Schülern. Es wurde viel gebrüllt und wenig gelernt. "Früher gab es hier keine Disziplin", sagt Mallon. "Das war schon krass."

Was ist passiert, dass diese Neuköllner Problemschule zum Anziehungspunkt für gut verdienende Mittelschichtseltern geworden ist?

Es gab keinen Brandbrief, keinen Notruf, wie ihn die Lehrer der in der Nähe liegenden Rütlischule im März 2006 schrieben. Es gab auch kein eigenes vom Senat verordnetes Förderprogramm für die Karlsgartenschule. Keine gezielten Aktionen der Schulleitung, um die begehrten Eltern an die Schule zu locken. Aber es gab eine Gruppe engagierter Eltern.

Allen voran Susann Worschech. Sie verteilt an diesem Tag Streuselkuchen und Filterkaffee an die neugierigen Eltern, erklärt, wo welches Klassenzimmer liegt, wie das Hortkonzept der Schule funktioniert und warum die Karlsgartenschule ihrer Meinung nach die beste der Stadt sei.    

Geben wir der Kiezschule eine Chance!

Worschech ist 38 Jahre alt, Sozialwissenschaftlerin, verheiratet, hat drei Kinder. Eine freundliche Frau mit bunten Kleidern und kurzen rotblonden Locken. Eine, die anpackt. Und die andere mitziehen kann, wenn sie will.

2012 sollte ihre älteste Tochter eingeschult werden. Die Familie bewarb sich ein Jahr vorher an der evangelischen Privatschule, landete aber nur auf der Warteliste. Zugewiesen wurde die Karlsgartenschule. Die Brennpunktschule um die Ecke, 90 Prozent der Kinder hatten eine Lernmittelbefreiung, also zu wenig Geld, die Schulmaterialien selbst zu bezahlen. Es war die Zeit, die Schulleiterin Mallon als "schon krass" bezeichnet. "Viele Eltern fuhren ihre Kinder lieber mit dem Auto in andere Bezirke, als sich die Karlsgartenschule auch nur anzuschauen", sagt Worschech.

Aber sie wollte, dass ihre Tochter in der Nachbarschaft zur Schule geht. Und da es mit der evangelischen nicht geklappt hatte, war die einzige Lösung: Geben wir der Kiezschule eine Chance!