Susann Worschech schult nach den Sommerferien ihr drittes Kind an der Karlsgartenschule ein. Für sie ist es die beste Schule der Stadt. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Die Karlsgartenschule liegt am Rande des Schillerkiezes, einem Viertel im Nordwesten Neuköllns, früher eine Armeleutegegend. Nach der Stilllegung des Flughafens Tempelhof im Jahr 2008 änderte sich das rasant. Der Kiez ist heute einer der beliebtesten der Stadt. Die Mieten sind nach Angaben des Berliner Wohnmarkt-Reports seit 2009 um 121 Prozent gestiegen. Durchschnittlich 11,70 Euro müssen Mieter inzwischen für den Quadratmeter zahlen. Und die Schulhofrealität ist wie in allen stark gentrifizierten Vierteln besonders verzerrt.

Auf den Spielplätzen turnen kleine Friedrichs, Friedas und Elisabeths in teuren, schadstofffreien Ökokleidern. Aber auf dem Pausenhof nebenan heißen die Kinder Ali, Ahmad oder Nour und tragen Polyester in Prinzessinnenpink und Actionheldgraublau, weil das gerade bei Aldi im Angebot ist. Die Menschen wohnen Tür an Tür und leben gleichzeitig in verschiedenen Welten.

Seit Neukölln so beliebt ist, wollen immer mehr Menschen ihre Kinder nicht auf die Einzugsschule schicken. Beim Schulamt landen jedes Jahr mehr Widersprüche gegen die Schulplatzvergabe und auch mehr Briefe von Anwälten.

Diese soziale Spaltung an Grundschulen ist ein Problem. Denn die Kinder aus sozial schwachen und oft problematischen Haushalten bleiben unter sich, genauso wie die bessergestellten. Den einen fehlen sprachliche Vorbilder, den anderen ein Gespür dafür, dass es nicht allen Kindern so gutgeht, wie ihnen selbst. Die Gesellschaft teilt sich bereits für die Kleinsten.

"Ich wollte da nicht mitmachen", sagt Worschech. Ihre Idee: Wenn sie genug Eltern aus ihrem Umfeld zusammenbekäme, die ähnlich denken und alle gemeinsam ihre Kinder anmeldeten, könnten sie die soziale Durchmischung quasi erzwingen. Bildungseltern kapern die Problemschule. Davon könnten alle profitieren. Also hängte sie Zettel auf, in Kinderläden, im Viertel, in Kiosken. "Zum ersten Treffen kamen 30 Eltern", sagt sie, mehr, als sie erwartet hatte. Und in Worschech erwachte der Idealismus.

Das Leben im Kiez als gesellschaftliches Training

Wie soll eine Schule gute Bildungsarbeit leisten, wenn sie zur Resteschule wird? In welcher Blase wachsen unsere Kinder auf, wenn sie nur unter sich sind? "In unserer heterogenen Gesellschaft brauchen wir Ambiguitätstoleranz", sagt Worschech heute und schwärmt von der Stärke des Kiezes. Von der kleinsten Einheit der Demokratie, der "Gemeinde als Schule der Freiheit", wie sie, ganz Sozialwissenschaftlerin, den französischen Publizisten Alexis de Tocqueville zitiert.

Worschech ist der Meinung: Wenn ich in meinem sozial durchmischten Kiez zurechtkomme und verschiedene Lebenswelten kennen und tolerieren lerne, dann kann auch unser gesamtgesellschaftliches Zusammenleben funktionieren. 

Anfangs hatte auch sie Bedenken: Findet mein Kind Freunde? Wird es gute Lernerfolge erzielen? Behindern Kinder mit schlechtem Deutsch die Sprachentwicklung meines eigenen Kindes? Aber ihre Idee gefiel ihr immer besser. Als sie einen Nachrückerplatz an der evangelischen Privatschule bekam, lehnte sie ihn ab.  

Aus dem Elterntreffen entwickelte sich die Initiative "Kiezschule für alle". Sie warb dafür, die Kinder an der Kiezschule anzumelden. Und sie traf auf offene Ohren. Denn ihre neuen Nachbarn im Schillerkiez bekamen auch Kinder, die nicht alle auf die evangelische Schule konnten. Am Ende fand sich eine Gruppe von fünf Familien, inklusive Worschechs eigener, die das Experiment gemeinsam wagten. Mit jedem Schuljahr kamen neue dazu.    

Wir haben die beste Schule Berlins direkt vor der Nase.
Susann Worschech, Elternvertreterin an der Karlsgartenschule

"Natürlich gab es auch Schwierigkeiten", sagt Worschech. Die alte Elternvertretung etwa blickte zunächst skeptisch auf diese Gruppe neuer Eltern, die auf einmal so eng mit der Schulleitung zusammenarbeiteten. Hielten die sich für was Besseres? Aber inzwischen habe sich die Elternschaft zusammengerauft, sagt sie. Ja, es seien vor allem die neuen Eltern, die sich engagieren. Aber das fänden jetzt auch die anderen Eltern gut. 

Die Schulleitung muss inzwischen schon aufpassen, nicht übers Ziel hinauszuschießen: Wenn der Anteil an Kindern mit Lernmittelbefreiung unter 75 Prozent sinkt, streicht der Senat die Brennpunktförderung. Gerade liegt er bei um die 80 Prozent. Noch ist die Karlsgartenschule offiziell eine Problemschule.

"Und hat bei deiner Tochter alles gut geklappt?", will eine Mutter am Infostand wissen. Worschech kann wieder nur schwärmen. "Wir haben die beste Schule Berlins direkt vor der Nase", sagt sie. Die Tochter wechselt zum neuen Schuljahr aufs Gymnasium. Der mittlere Sohn bleibt noch, heute hat er wieder eine Eins in Mathe nach Hause gebracht. Die kleinste Tochter wird nach den Ferien eingeschult. Und die ganze Kita würde am liebsten mitkommen. Die Elternströme im Kiez fließen jetzt nicht mehr weg von der Schule, sondern hin.