Die Idee einer versteckten Hinterhofmoschee, in der schlecht ausgebildete Imame wirre Thesen vertreten, gab es schon bevor man dort Brutstätten für Terroristen vermutete. Lange Zeit waren muslimische Familien aber auf solche Orte angewiesen, wenn die Kinder etwas über ihren Glauben lernen sollten. Die ersten, die sich dagegen wehrten, waren die Eltern. In den Siebzigerjahren, als vielen von ihnen zunehmend klar wurde, dass sie in Deutschland bleiben würden, gründeten sie neue islamische Vereinigungen und forderten Islamunterricht an deutschen Schulen. 1987 begann in Bayern die erste "religiöse Unterweisung für türkische Schüler muslimischen Glaubens" in türkischer Sprache: mit türkischen Schulbüchern, unterrichtet von Beamten des türkischen Staates.

Inzwischen sind sich längst auch Experten und Bildungspolitiker einig, dass Islamunterricht Integration fördern und Radikalisierung verhindern kann. Immer mehr Bundesländer boten im Laufe der Zeit Islamunterricht an. Im kommenden Schuljahr könnte sich der Trend aber ändern, denn es fehlen geeignete Kooperationspartner.

Islam als Schulfach anzubieten, ist kompliziert. Die Inhalte des katholischen und evangelischen Religionsunterrichts bestimmen die Kirchen. Aber im Islam gibt es keine vergleichbare Organisation. Die religiösen Verbände repräsentieren nur einen Bruchteil der Glaubensgemeinschaft und sind meistens konservativ. Zudem unterhalten einige von ihnen problematische Verbindungen ins Ausland. Geistliche des größten Verbands Ditib sollen nach dem Putschversuch in der Türkei im Auftrag des türkischen Staats in Deutschland gespitzelt haben. Der Moscheeverband gilt als AKP-nah und gab im Januar 2017 selbst zu, Informationen über Anhänger des Predigers Fethullah Gülen nach Ankara geschickt zu haben. Nach monatelangen Spionageermittlungen stellte die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Verband jedoch ein.

Momentan wird Islamische Religion in neun von 16 Bundesländern unterrichtet. Jedes von ihnen verfolgt ein anderes Kooperationsmodell mit unterschiedlichen muslimischen Verbänden. Was die meisten dieser Ansätze eint: Sie sind lediglich befristete Übergangslösungen. In vier Bundesländern – Bayern, NRW, Baden-Württemberg und Saarland – laufen im Schuljahr 2018/2019 die Fristen für die bisherigen Modelle ab. In Hessen droht Ditib als wichtigster Kooperationspartner auszufallen. Es stellt sich also die Frage, wie es mit dem Islamunterricht in Deutschland weitergeht. Und für einige Bundesländer lautet diese Frage auch: ob überhaupt.

Viele wollen den Unterricht

An Bedarf mangelt es nicht. Die Deutsche Islamkonferenz ermittelte bereits 2009, dass etwa 580.000 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen sechs und 18 Jahren gerne einen islamischen, bzw. 70.000 einen alevitischen Religionsunterricht besuchen würden. Doch viel weniger Schüler haben die Möglichkeit dazu. Im Schuljahr 2017/2018 wurden knapp 55.000 Schüler in islamischer Religion unterrichtet, wie eine im April veröffentlichte Umfrage des Mediendienstes Integration zeigt. 

Vielleicht werden jetzt noch weniger von ihnen die Möglichkeit dazu haben. Als erstes soll ausgerechnet Bayern aussteigen – das Bundesland, das auf eine über 30-jährige Geschichte des Islamunterrichts zurückblickt. Auf die "religiöse Unterweisung für türkische Schüler muslimischen Glaubens" folgten mehrere Modellversuche. Jetzt, als man sich endlich auf einen Lehrplan, Schulbücher in deutscher Sprache und an bayerischen Hochschulen ausgebildete Religionslehrer einigen konnte, droht das Ende des Islamunterrichts. Im Sommer 2019 wird das aktuelle Modell beendet und ausgewertet. Ministerpräsident Söder hatte Anfang Juli angekündigt, er werde es nicht ausweiten. Er möchte sich auf Nachfrage auch nicht weiter zu den Gründen äußern, oder wie es weitergehen soll. Im Oktober wird in Bayern gewählt.