Aber auch in Bundesländern, in denen der Islamunterricht nicht als Wahlkampfmittel benutzt wird, steht er vor einer großen Hürde: Der Islam ist keine deutschlandweit anerkannte Religionsgemeinschaft. Somit gibt es für den Staat keinen verlässlichen Partner, der von allen Schülern muslimischen Glaubens, beziehungsweise ihren Eltern, anerkannt würde. Es gibt nur verschiedene Islamverbände, die wiederum voneinander abweichende Absichten verfolgen und deren Nähe zum türkischen Staat oft problematisch und in einigen Fällen untragbar ist.

So ein Fall wird gerade in Hessen geprüft: Eigentlich war der Islamunterricht hier stärker etabliert als in den meisten anderen Bundesländern. Islamische Religion ist in Hessen ein ordentliches Unterrichtsfach, die Lehrkräfte werden an den Universitäten Gießen und Frankfurt am Main ausgebildet, die Anzahl an Schülerinnen und Schülern steigt. Einer der Kooperationspartner des Landes, die Ahmadiyya-Gemeinde, gilt als etwas liberaler als die meisten Verbände und ist in Hessen als Religionsgemeinschaft anerkannt. Probleme macht aktuell der andere Partner, Ditib, wegen seiner engen Verbindung zur türkischen Regierung: Er untersteht der dortigen Religionsbehörde Diyanet.

Im Dezember 2017 setzte der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) dem Verband eine Frist. Innerhalb einen Jahres müsse der hessische Landesverband der Ditib beweisen, dass er unabhängig vom türkischen Staat sei. Noch ist das nicht geschehen. Ein Vorwand für einen Ausstieg aus dem islamischen Religionsunterricht soll das allerdings nicht sein: Lorz kündigte an, dass die Schüler von einem möglichen Wechsel des Kooperationspartners nicht beeinträchtigt werden sollen. Der Islamunterricht in Hessen bleibe bestehen.

Neue Modelle

Auch im Saarland sitzt die Ditib mit am Tisch der Arbeitsgruppe, die den Modellversuch des Islamunterrichts organisiert. Doch hier sieht man allerdings "keinen Anlass, die Zusammenarbeit zu überprüfen", heißt es aus dem Kultusministerium.

In Baden-Württemberg lief der Modellversuch unter Kooperation von Ditib, dem Landesverband der islamischen Kulturzentren, der Islamischen Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg sowie der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland. Doch die Zusammenarbeit klappte nicht. "Aus verschiedenen Gründen",  heißt es aus dem Kultusministerium. Mehr wollen sie dazu nicht sagen. Jetzt strebt Ministerpräsident Winfried Kretschmann an, den islamischen Religionsunterricht durch eine Stiftung zu organisieren. Wie die FAZ berichtete, solle diese Sunnitischer Schulrat genannte Stiftung aus einem Vorstand, einer "theologischen Schiedsstelle" sowie einer Geschäftsstelle mit Landesangestellten bestehen. Die muslimischen Verbände sollen Vertreter in den Vorstand entsenden, dort werden dann die Stundenpläne und die Lehrordnung beschlossen.

In Nordrhein-Westfalen bringt momentan der Verband der Islamlehrer/innen ebenfalls ein neues Modell ins Gespräch. Im bisherigen, das 2019 ausläuft, verantwortete ein Beirat aus vier konservativen Islamverbänden den Islamunterricht in dem Bundesland: den Vertretern des Zentralrats der Muslime, dem Verband der Islamischen Kulturzentren, dem Islamrat und Ditib. Seit Februar 2017 ruht der Sitz der Ditib.

Doch Musa Bağraç, dem Vorsitzenden des Verbandes der Islamlehrer/innen, ist das nicht genug: "Ditib ist kein Einzelfall", sagt er. "So etwas kann immer wieder passieren, auch mit anderen Religionsgemeinden." An der Basis, in den Moscheen, da werde der Glaube gepflegt. "Aber oben ist die Lobby." Da gehe es um Posten, Einfluss und darum, dass die Gläubigen die Halal-Würstchen der eigenen Organisation kauften und deren Hochzeitsfeiern buchten. "Ich nenne diese Verbände deswegen auch 'Glaubensökonomien'." Diese wirtschaftlichen Zusammenhänge seien laut Bağraç auch der Grund dafür, dass sich die Verbände nicht zusammenschlössen.

Der Verband der Islamlehrer/innen schlägt deswegen vor, dass ähnlich wie bei einer Synode der evangelischen Kirche die einzelnen Moscheegemeinden Vertreter wählen, die sie repräsentieren. So gäbe es auch eine Chance dafür, dass die bislang nicht vertretenen, lokalen muslimischen Glaubensgemeinden mitsprechen könnten – auch liberalere Strömungen des Islams.

Die Krise um die Ditib hat dazu geführt, dass viele der Modelle für den Islamunterricht nochmal ganz neu überdacht werden. Vielleicht ist diesmal die Lösung dabei.