Nie habe ich ein Pädagogik-Seminar besucht, seit meiner Schulzeit keinen Fuß mehr in eine Schule gesetzt. Trotzdem werde ich heute in einer achten Klasse Zinsrechnung unterrichten. Denn wer, wie ich, ein Studium in Mathematik absolviert hat, der kann das auch ohne Lehramtsstudium tun. So sehr fehlt es an ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern. Ich möchte verstehen, wie es sich anfühlt, als Quereinsteigerin in der Schule – und wage das Experiment.

An einem Mittwochmorgen, es ist acht Uhr, laufe ich also über den grau-asphaltierten Schulhof der Clay-Oberschule in Berlin-Neukölln. An den Tischtennisplatten vor dem riesigen Gebäude mit dem Flachdach lachen ein paar Jugendliche, etwas weiter hinten hört man das dumpfe Aufprallen eines Basketballs, die meisten Schüler sind schon in ihren Klassenräumen. Ich öffne die leise quietschende Schwingtür zum Naturwissenschaftstrakt und treffe auf den Mathematiklehrer Michael Zielonkowski, dessen achte Klasse ich heute übernehmen werde. Mein Herz klopft.

Schon im Flur, an den orange-rot-gelben Spinden, kommen uns die ersten Schüler entgegengetobt. Herr Zielonkowski lotst sie freundlich, aber bestimmt ins Klassenzimmer. An der Tafel stehen noch immer Vokabeln aus dem Englischunterricht, auf der Fensterbank steht einsatzbereit ein Tageslichtprojektor. Obwohl seit meinem eigenen Abitur mehr als zehn Jahre vergangen sind, fühlt sich das alles immer noch seltsam vertraut an. Nur, dass heute alle Kinderaugen erwartungsvoll auf mich gerichtet sind, das ist anders.

Was verstehen Achtklässler?

Am Vortag hatte ich, über ein etwas abgewetztes, blaues Achte-Klasse-Mathebuch gebeugt, den Unterricht vorbereitet – und mich dabei völlig überfordert gefühlt. Es fiel mir schwer, mir ein geeignetes Beispiel für mein Thema, die Einführung der Zinsformel, auszudenken. Außerdem fehlte mir das Gefühl dafür, was die Achtklässler verstehen würden: Wie gut würden sie sich an die Prozentrechnung erinnern? Würden Sie selbstständig Formeln umstellen können? Die Rettung kam schließlich, wie könnte es anders sein, von Google: "Unterrichtsentwurf Zinsrechnung" hatte ich eingegeben und eine Art Spiel gefunden. Ich hatte kleine Zettelchen mit Werten bedruckt, die die Schüler heute ordnen und daran spielerisch die Zinsformel entdecken sollen. Bald hatte ich auch einen Plan, wie ich anschließend die Formeln einführen würde. Obwohl damit der Unterricht vorbereitet war, lagen meine Nerven am Abend vor der Stunde blank.

Zurück im Klassenzimmer überspiele ich meine Nervosität, frage betont lässig, wer von den Schülern denn ein Sparkonto habe. Nur zögerlich gehen ein paar Hände nach oben. Dann diskutieren wir über Zinsen und über Banken. Dass man am Ende des Jahres einen Anteil seines Geldes als Zinsen bekommt, wissen die meisten. Woher die Banken dieses Geld nehmen, keiner. "Achso", raunt es durch die Bänke, als ich erkläre, dass das Geld durch Kredite an andere verliehen wird – das Unterrichten macht mir Spaß.

Auch das Spiel funktioniert, obwohl zwei Mädchen in der hinteren Reihe mit der Aufgabe fertig sind, bevor die anderen überhaupt verstanden haben, was sie tun sollen. Bei der Besprechung melden sich immer wieder die gleichen Drei, außer den beiden Mädchen noch ein Junge mit aufmerksamem Blick und dunklen Haaren. Ich würde gerne andere in die Diskussion einbeziehen. Aber ich schaffe es noch nicht, auf die unterschiedlichen Leistungsniveaus einzugehen.

Langsam merkt man den Achtklässlern an, dass die Doppelstunde fortgeschritten ist, sie werden immer unruhiger. Mehrfach fordere ich Ruhe ein, aber die Klasse wird nicht mehr richtig still. Jeden Moment könnte die Stimmung kippen, fürchte ich. Dann bin ich durch mit meinem vorbereiteten Programm – 15 Minuten zu früh.